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I EINLEITUNG

(Martin Steskal)

I. 1 Vorbemerkung zum Stand der Prytaneion-Forschung
Systematische Forschungen zum Gebäudetypus >Prytaneion< und Reflexionen über die Funktion solcher
Bauten erfolgten bis dato nur spärlich. So verwundert es nicht, dass St. G. Miller die wohl übergreifendste
Studie über Prytaneia mit den Worten beginnt1: »Within the realm of Greek civic architecture, the prytaneion
is pre-eminent both for its ubiquity and for its obscurity. One cannot read far in the literatüre of antiquity
without encountering mention of this building, but a vision of the architectural form of the prytaneion
rarely, if ever, springs to mind when one reads or hears the word.« Der Umstand, dass Prytaneia über
keinen kanonischen Grundriss verfügten, hat dazu geführt, dass heute nur wenige Gebäude tatsächlich als
Prytaneia zu identifizieren sind. Wann immer somit epigrafische Quellen fehlen, die das Gebäude explizit
als Prytaneion ausweisen, ist es nur anhand von Analogieschlüssen möglich, eine solche Identifizierung
vorzunehmen. Wesentliche Parameter sind dabei die Lage der Gebäude innerhalb der Stadt - insbesondere
die Nähe zur Agora und zu anderen Regierungsgebäuden2 -, ihr Raumangebot oder das Vorhandensein eines
Herdes (einer έστία).
Trotz des spärlichen Publikationsstandes und der geringen Anzahl sicher identifizierter Bauten wurden
schon früh allgemein gehaltene Studien zu Aussehen und Funktion dieser Gebäude vorgelegt3. So begann
die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Prytaneia - angeführt von A. Preuner4, G. Hagemann5 und
J. G. Frazer6 - bereits im ausgehenden 19. Jahrhundert. A. Preuner analysiert als Erster die Funktion von
Prytaneia und ihre Verbindung zum Hestiakult, wobei er den Zeitpunkt des Aufkommens dieses Gebäu-
detypus wie folgt skizziert7: »Es ist klar, dass, solange Könige in Attika herrschten, Prytaneen im späteren
Sinne nicht bestanden haben werden, dass es dagegen ein Prytaneon kurz nach oder unmittelbar seit ih-
rer Vertreibung gegeben haben wird.« Als wesentliches Merkmal dieser Bauten nennt er die ehrenvollen
Speisungen, die er als allgemein üblichen Brauch beschreibt8. Die Verbindung von Prytaneion und Herd
scheint ihm in diesem Kontext evident, wobei er in der Frage, inwieweit solche Bauten in allen griechischen
Städten zu finden wären, unentschieden bleibt9: »Die Allgemeinheit von Prytaneen ist zwar wahrschein-
lich, wird aber nicht schlechthin behauptet werden können. Es entsprach ihrer Idee, dass eine Hestia darin
war. Diese fehlte nie, wo ein Prytaneon war. Auch kann daran nicht gezweifelt werden, dass die Speisung
und Bewirthung im Prytaneon da, wo sie stattfand, mit dieser Hestia in Verbindung gedacht wurde.« Die
Verbindung von Prytaneia mit dem Hestiakult erklärt er stringent10: »Das republicanische Gebäude, das
nunmehr an die Stelle der alten Königswohnung trat, war, es ist keine Frage, das Prytaneon: die Hestia

1 Miller 1978, 1.
2 Dass eine solche räumliche Verbindung erst ab hellenistischer Zeit bestand, vermutet Kenzler 1999, 294. 296.
3 Zu den ebenfalls bereits früh einsetzenden Detailanalysen zu einzelnen Prytaneia, vor allem zum Prytaneion von Athen, s.
Miller 1978, 38-127. 225-239 mit älterer Lit.
4 Preuner 1864, bes. 95-121.
5 Hagemann 1880 und G. Hagemann, De Graecorum Prytaneis capita tria (Breslau 1881).
6 Frazer 1885, 145-172.
7 Preuner 1864, 97. 115: »Es war der politische Staat, der sich die Prytaneen baute: der Staat, in dem republicanische Verfas-
sungen an Stelle des patriarchalen Königthums getreten waren.«
8 Preuner 1864, 95-102.
9 Preuner 1864, 106.
10 Preuner 1864, 111. Dass sich seiner Meinung nach die κοινή έστία auch außerhalb eines Prytaneions befinden konnte, führt
Preuner 1864, 121-125 aus.
 
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