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77

V BAUPHASEN UND CHRONOLOGIE

(Martin Steskal)
V.l Vorbemerkung
Als Ergebnis der kontextuellen Analyse des stratigrafischen und architektonischen Befundes des Prytanei-
ons können im Wesentlichen drei große Bauphasen unterschieden werden. Zusätzlich sind aber auch Bau-
maßnahmen zu konstatieren, die lediglich epigrafisch überliefert und nur mit Vorbehalt einer der großen
Bauphasen zuzuordnen sind. Erschwert wird die definitive Zuweisung der jeweiligen Adaptierungen und
Modifikationen durch die massiven Grabungsaktivitäten der 1950er und 1960er Jahre ohne entsprechende
Dokumentation sowie durch den Umstand, dass bei der Neuuntersuchung nur noch wenige ungestörte Flä-
chen für stratigrafische Grabungen zur Verfügung standen. Die großen Bauphasen sind daher zum Teil
schwer, kleinere, nur punktuell lokalisierbare Interventionen kaum zu datieren. Die in den Jahren 2007-2009
gewonnenen Daten erlauben es in Verbindung mit den Ergebnissen der Altgrabungen aber dennoch, ein
homogenes und stringentes Bild der Nutzungsgeschichte zu zeichnen.
Grundsätzlich liegen keine eindeutigen Erwähnungen öffentlicher Baumaßnahmen im Prytaneion nach
seiner Errichtung vor. Die Bautätigkeit wurde wohl durch privates Mäzenatentum oder durch die einzelnen
Prytanen selbst getragen, die Reparaturen und Renovierungen als zusätzliche Amtsverpflichtung überneh-
men mussten363.
V.2 Vornutzung
In der umstrittenen Frage, ob es an der Stelle des Prytaneions einen hellenistischen Vorgängerbau gegeben
haben könnte, konnten die abschließenden Ergebnisse der Untersuchungen W. Alzingers in den 1960er
Jahren, der zu Beginn seiner Arbeiten noch von einem hellenistischen Vorgänger ausgegangen war364, di-
ese Meinung dann aber zu Recht änderte365, bestätigt werden: Die Existenz eines voraugusteischen Baus
ist nicht nachzuweisen. Die zahlreichen Sondagen der 1960er (Taf. 16) und 2000er Jahre (Taf. 137) unter
Bodenniveau zeigten einen im Wesentlichen unverbauten Platz, der lediglich hellenistische Aufschüttungen
und Terrassierungen aufwies, die in das ausgehende 3. Jahrhundert v. Chr. datieren366.
Offenbleiben muss die Zeitstellung des zentralen Fundaments im Vorhof (Taf. 43. 44), auf dem später die
>Große Artemis<-Statue (KatNr. SK 4) platziert wurde. Trotz erheblicher Bemühungen, diese Frage feldar-
chäologisch zu klären, konnte W. Alzinger die Stratigrafie in diesem Bereich nicht endgültig bewerten367;
seine Eingriffe in diesem Bereich, konkret das Abtragen sämtlicher anlaufender Straten, machten zudem
eine Nachuntersuchung unmöglich. So bleibt die Frage nach einer absoluten wie auch relativen Chronologie

363 Cf. St. Cramme, Die Bedeutung des Euergetismus für die Finanzierung städtischer Aufgaben in der Provinz Asia (ungedr.
Diss. Universität Köln 2001) 115 f. 195.
364 Cf. Eichler 1962, 38-41; noch am Beginn der Grabungskampagne 1963 geht er von einem hellenistischen Vorgänger aus:
W. Alzinger, Tagebucheintrag vom 14. 8. 1963.
365 Cf. Eichler 1964, 40, der Alzingers Ergebnisse in seinem Jahresbericht referiert, sowie später Alzinger 1970, 1646-1648;
Alzinger 1974, 51-57; Alzinger 1972-1975, 241-249. Ihm folgt später auch Knibbe 1998, 113, während Miller 1978, 98-109
entgegen den veröffentlichten Grabungsergebnissen auf einem Vorgänger-Prytaneion insistiert. Aufgrund des Handbuchcha-
rakters von Millers Publikation wird der nicht existente hellenistische Vorgänger bis heute rezipiert, so zuletzt von Schwarzer
2008, 124.
366 s. dazu S. Ladstätter, Kapitel VI. 1.2 (KatNr. K 1-59); Μ. Steskal, Kapitel IV.2 und 3.
367 Cf. Μ. Steskal, Kapitel II.3 sowie Eichler 1963, 46.
 
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