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VIII FUNKTION DER RÄUME

(Martin Steskal)
VIII.l Vorbemerkung
Die funktionsmäßige Bestimmung der Anlage ist epigrafisch gesichert: Es handelt sich um das Heiligtum
der Hestia Boulaia753 und somit um das Prytaneion von Ephesos. Der Bau beheimatete die Hestia der Stadt,
auf der das ewige Feuer brannte. Er diente als Amtslokal der Prytanen; er war zudem das Gebäude, in dem
die Prytanen sowie ausgewählte Bürger und Fremde auf Staatskosten verköstigt wurden.
Somit beinhaltete die ephesische Anlage alle drei Grundfunktionen eines Prytaneions: Sie war Ort der
Hestia, Amtslokal der Prytanen und Lokal ehrenvoller Speisungen auf Staatskosten. Auch die urbanistische
Einbindung des Gebäudes, und zwar die Lage an der Agora, dem politischen Zentrum der Stadt, sowie
die unmittelbare Nähe zum benachbarten Bouleuterion entsprechen den Vorgaben für die Anlegung eines
Prytaneions.
Die spezifische Funktion der einzelnen Räume lässt sich wie folgt charakterisieren754:
VIII.2 Vorhof
Der als rechteckige Triporticus ionischer Ordnung gestaltete Vorhof des Prytaneions datiert nach Analyse
des archäologischen und architektonischen Befundes in die Bauzeit des Gebäudes und somit an das Ende
des 1. Jahrhunderts v. Chr.755 (Taf. 32-44). Durch eine inschriftlich belegte Stiftung (IvE 437), die grob dem
1./2. Jahrhundert n. Chr. zugewiesen werden kann, ist eine erhebliche Reparatur bzw. ein völliger Neuaufbau
des Peristyls belegt; im Wesentlichen wird dabei aber der bauzeitliche Aufbau kopiert (Bauphase la). Durch
die vorgegebenen Aufschnürungen auf dem Stylobat, der von dieser Neugestaltung nicht tangiert wurde,
ist von der gleichen Rhythmisierung des architektonischen Aufbaus auszugehen. Das Peristyl des Vorhofes
wurde nach der Aufgabe des Gebäudes bis auf wenige Stylobatblöcke völlig abgetragen und das Baumaterial
anderweitig verwendet. Auch die Rückwände der Hallen wurden großteils abgetragen; so fehlt die Rückwand
im Westen vollständig, die Südwand ist lediglich bis zu einer max. Höhe von 0,93 m über dem Niveau des
Stylobats (absolut: 45,96 m) erhalten. Die Ostwand, die in die byzantinischen Strukturen östlich des Pryta-
neions integriert wurde, ist mit max. 1,45 m über dem Stylobat am Höchsten erhalten.
Der Vorhof diente zunächst der Erschließung des Gebäudes; er vermittelte zwischen den im Süden und
Westen - dort allerdings aufgrund des heute nicht mehr nachweisbaren Zugangs nicht gesichert - laufenden
Straßen und der Vorhalle des Prytaneions. Die Hallen selbst und der Hof scheinen der Auf- und Ausstellung
von Ehrenbasen und Ehrenstatuen gedient zu haben; zwei Ehrenbasen samt Inschriften zeugen von dieser
repräsentativen Funktion (KatNr. SK 12. 13 aus der zweiten Hälfte des 2. Jahrhunderts n. Chr. sowie SK 14
nach 128 n. Chr.). Wenn H. Engelmann in Bezug auf die Hallen des Vorhofes von einer »Porticus ambula-
toria« spricht756, so beschreibt dies treffend den multifunktionalen Charakter der Stoai.

753 IvE 1058-1060. 1062-1073. 1077-1079. 1597. - Eine Zusammenstellung der inscliriftliclien Zeugnisse von Ephesos mit Nen-
nung der Hestia bietet C. R. Dethloff, Corpus of Inscriptions of the Goddess Hestia (ungedr. Diss. The Johns Hopkins Univer-
sity of Baltimore 2003) Nr. 132-151.
754 Zur wechselhaften Beurteilung der einzelnen Raumfunktionen während der Ausgrabung und Erforschung des Gebäudes s.
Μ. Steskal, Kapitel II.
755 Cf. Μ. Steskal, Kapitel III.2.
756 Engelmann 1985, 155.
 
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