Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 1.1925-1926

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die Oberhand und läßt den Körper durch bewußtes
Stilisieren in die Breite wachsen: gleichzeitig die-
nen die Haarfrisur, die Schulterrahmung, die
Ärmelbäusche, der Rocksaum diesem Prinzip der
Verbreiterung, die durch die kontrastierende Wir-
kung der Ilüf teneinziehung noch verstärkt wird.
Von den dreißiger Jahren bis zur Mitte des 19.
Jahrhunderts wächst diese Bewegung immer stär-
ker an, begleitet von prunkvolleren und glänzen-
den Stoffen, bunteren Farben und überreichem
Ausputz, um allmählich in den Gegensalz der
Höhenachse umzuschlagen, die durch hohe Frisur
und lange Schleppe der siebziger Jahre besonders
betont wird. Der Glanz, die Festesfreude und
Leichtlebigkeit des zweiten Kaiserreichs geben den
natürlichen kulturellen Rahmen zu dieser Moden-
Entwicklung ab. Und die berüchtigte „Gründer-
zeit" bis gegen das Jahrhundertende spiegelt sich
erschreckend deutlich in den Kleidern und ihren
gemalten Darstellungen dieser Zeit: ein wildes
Durcheinander von heterogenen Slilarten, bunt
schreienden Farben und überladenen Zutaten.
„Reform'' im Kunstgewerbe wie in der Mode wird
dann das Schlagwort: Jugendsiii und Reformkleid
das zeitweilige Ergebnis um die Wende zum 20.
Jahrhundert. Doch die Erkenntnis, daß weder
Linie und Ornament für Architektur und Kunst-
gewerbe entscheidend, noch scheinbare Hygiene

und gewollte Formlosigkeit für die Mode erträg-
lich sein können, führte zu einer tieferen Reform:
man ging an den Kern der Sache heran und suchte
erst einmal den „Grundstoff" zu reformieren.
Wie vor einem halben Menschenalter die frucht-
bare Werkbundbewegung jeden Werkstoff nach
seiner Eigenart zu behandeln und durchzugestal-
ten trachtete, um ihn seiner funktionellen Be-
stimmung zuzuführen, so mußte auch auf die Ge-
stallung des Frauenkleides und auf die organische
Fortentwicklung der Mode ein belebender Funke
fallen.

Dazu kam technisch und wirtschaftlich der rasche
Aufschwung der texlilen Gewerbe aller Art, die
leichtere Beweglichkeit der modeschaffenden In-
dustrien, die reichere Ausgestaltung aller Frauen-
berufe ; physiologisch: die neuen hygienischen For-
derungen und angewandten Forschungen, die ver-
besserte Pflege des Körpers, die Vorliebe für Sport
und Körperbewegung; psychologisch: die unauf-
haltbar europäisch-weltbürgerliche Einstellung des
Modengeistes, das Hinwenden zum unpersönlichen
Kollektivismus, der Dräns zur Sachlichkeit und
Knappheit des Ausdrucks in der Kleidung, wie in
Dichtung und bildender Kunst. Und die Künstler
selbst gewinnen auch wieder mehr Fühlung mit
der Mode.

Seidenstoffe

ausgestellt von Michels & Cie.

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