Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 2.1927

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Abschluß gegen diese Dinge sein, sondern ihre
Membran.

Man muß solches Weiterstreben begrüßen, denn
wir brauchen Neuland. Wenn manches noch auf
unsicherer Basis beruht in dieser Schrift, so
schneidet sie doch werlvolle neue Ideen an.

Die Pelikanwerke Günther Wagner Hannover und
Wien haben als Nr. 25 eine Schrift herausgegeben
F. H. Ehmcke, „Angewandte Schrift", Preis 2,50
Mark. Ehmcke hat hier mit großem Geschick an-
gewandte Schriften aus allen Gebieten der Archi-
tektur und des Gewerbes, aus allen Ländern und
Zeilen zusammengetragen. Seine interessanten
Ausführungen, zusammen mit den vorzüglich wie-
dergegebenen Abbildungen, verdienen es, weiteste
Verbreitung zu finden, denn sie sind geeignet,
auch dem Laien die Augen zu öffnen über das,
was gute Schrift und ihre Anwendung bedeutet.

Wie baut Amerika? Von R. J. Neutra. Verlag
Julius Hoffmann. Stuttgart. 105 Abbildungen.
Kartoniert 8,50 Mark

Das Buch enthält einige vorzügliche Unter-
suchungen über Großbahnhöfe und ihre klare,
zweckmäßige Verbindung mit dem Untergrund-
bahn-, Straßenbahn- und Fußgängerverkehr.
Neutra verurteilt die in Amerika wie bei uns glei-
chermaßen ausgeprägte Repräsentationssucht, die
in den meisten Fällen nur auf Kosten der Ver-
kehrsabwicklung befriedigt werden kann. Er gibt
Anregungen für eine ingenieurmäßige Berechnung
der ausreichenden Straßenbreiten auf Grund von
Frequenzstatistiken usw.

Dann die ausgezeichnete Beschreibung der Ge-
samtbauvorgänge beim drittgrößten Hochhaus
Chicagos (Großhotel mit 2268 Zimmern und
ebensoviel Bädern): genaueste Zusammenarbeit
vieler Sonderfachleute; sehr lehrreich die Auf-
führung des Planmaterials, das vor Vergebung der
Bauarbeiten nach einer zum Voraus ausgedachten
Zeittafel ausgearbeitet war (ca. 150 Pläne,
100: 130 cm).

Es folgen Darstellungen verschiedener Bauweisen
an Beispielen amerikanischer Einzel Wohnhäuser
aus Kabeplatten, aus Gußbeton und Betonnorm-
teilen.

Was die Form angeht, so tritt Neutra für ein-
fache, unromantische. natürliche Gestaltung ein,
die allmählich auch in Amerika gegenüber den
gerade dort üblichen altertümlichen Vermummun-
gen guter Konstruktionen Baum gewinnt.
Das Bildmaterial ist ausgezeichnet, der Text klar
geordnet. Gräff.

Zeitschriften

Die Zeitschriften ändern heule allmählich ihren
Charakter, das Beschauliche weicht dem Aktuellen.
Entsprechend unserer gärenden Zeit und ihrem
Tempo werden sie mehr Programm- und Streit-
schriften als eine Sammlung von eindringlichen
und ruhigen Betrachtungen, Fanfare statt Klavier-
spiel. Daß damit Gründlichkeit dem Tempera-

ment weicht, mag man bedauern, aber das liegt
nun einmal im Wesen unserer Zeit. Die „Illu-
strierte Zeitung" ist das, was früher die „Gar-
tenlaube" war. Auch bei den Zeitschriften, die
sich mit den Fragen der Formgestaltung in unse-
rer Zeit beschäftigen, ist dieser neue Zug zu ver-
spüren. Auch die äußere Aufmachung unterliegt
Wandlungen. Umschlag und Titeiblall sind nicht
mehr Fassade, sondern werden Reklamefront. Lei-
der aber fehlt d:e Beherrschung, statt ihrer greift
eine Nervosität um sich, die meist mehr heraus-
zuspüren ist als die programmatische Absicht.
Eine ausgesprochen neuzeitliche Zeitschrift ist
das „Neue Frankfurt, Monatsschrift für die
Fragen der Großstadtgestaltung", die kürzlich
mit ihrem ersten Heft im Verlag Englerl & Scl^.os-
ser, Frankfurt (Main) erschienen ist. Als Schrift-
leiter zeichnet Stadtbaurat Ernst May. Die typo-
graphische Gestaltung ist ein problematisches Expe-
riment, die Bilder, eingeklemmt zwischen dicke
schwarze Linien, kommen nicht mehr als Bild zur
Wirkung, sie sollen aber auch keine Illustrationen
sein, sondern stellen ohne Verbindung mit dem
Text mit knapper Beschriftung den Gedankengang
einer Ausführung für sich dar. Der literarische
Text ist formal angeordnet. Die Anordnung aber
ist eine Platzverschwendung, was bei einem Pro-
gramm, das für Rationalisierung eintritt, seltsam
berührt. Im ersten Heft finden sich ausgezeich-
nete Beiträge von Wiehert, May. Schmidt-Essen.
Im selben Verlag erscheint „Stein Holz Eisen"
im 41. Jahrgang. AVenn sich auch die Zeitschrift
vor allem mit wirtschaftlichen Fragen beschäftigt,
befinden sich darin doch bemerkenswerte Aus-
führungen über Fragen der Gestaltung. Es fehlt
der Zeitschrift noch an einer starken Hand.
Das Bauhaus g:bt zu seiner: Einweihung das erste
Heft einer Zeitschrift heraus. Das Zuviel der Theo-
rie, der Propagandaschlagworto ermüdet allmäh-
lich und Leben, Praxis und Beispiel sollten sich
etwas mehr in den Veröffentlichungen des Bau-
hauses einstellen.

Die „Innendekoration" im Verlag Alexander
Koch-Darmstadt widmet das Januar-Heft dem mo-
dernen Wohnbau. Der alte Tilelkopf wirkt dabei
geradezu grotesk. Neben Arbeilen des Wieners
\\ alter Sobolka ist u. a. das Haus May, das in
keiner Zeitschrift fehlt, abgebildet. Dazu kommen
Aufsätze von Erich Mendelsohn, Gropius und May.
Man hat das Gefühl, als ob das „Neue" hier etwas
ungern aufgenommen wird, aber es ist schon von
Wert, daß man es nicht mehr übersieht.

Das Januarheft des „Werk' (Verlag Gebr. Fretz
A. G., Zürich) bringt einen schönen Aufsatz von
Wölfflin „.Goethes italienische Reise". Weitere
Aufsätze mit guten Bildern sprechen vom italieni-
schen Barockgarten, von spanischer Architektur
und von moderner russischer Kunst. Das „Werk"
ist eine der schönsten Künstzeits.chriften, die es
überhaupt gibt, die Sorgfälligkeil, mit der jedes
Hell bearbeilel isl. überrasch! und eiTreul Men-
schen, die von einer Zeilschrift wirkliche Qualität
fordern. W.

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