Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 2.1927

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DER WERT WISSENSCHAFTLICHER FORSCHUNG
FÜR DIE SEIDENINDUSTRIE

VON DR. W. WELTZI EN

Es besteht heute kein Zweifel, daß che enge
Verbindung von Wissenschaft und Industrie
bei allen den technischen Zweigen, die sich
auf eine solche Zusammenarbeit frühzeitig
einstellten, die besten Früchte getragen hat.
Zunächst freilich scheinen die Ziele beider
Richtungen diametral entgegengesetzt, da
altem Herkommen und ihrem inneren
Drange gemäß die Wissenschaft der reinen
Erkenntnis zustrebt, während für die Indu-
strie der wirtschaftliche Erfolg ausschlag-
gebend ist. Und es mag zugegeben sein,
daß die Vertreter beider Richtungen nicht
immer freundschaf tlich einander gegenüber
gestanden haben; Adolf von Raeyers Wort,
dem Sinne nach dahin lautend, daß die Rc-
schäftigung mit der Technik das reine Den-
ken störe, könnte als prinzipielle Stellung-
nahme eines hervorragenden Wissenschaft-
lers gegen die Zusammenarbeit mit der
Industrie angeführt werden. Aber auf der
anderen Seite hat gerade dieser Mann den
synthetischen Indigo zum ersten Male in
nennenswerter Menge herstellen gelehrt und
ist dadurch der Mitbegründer einer unserer
größten modernen Industrien, der Farb-
stoffindustrie, geworden. Gerade sie wird
allgemein als Musterbeispiel für das glän-
zende Ergebnis eines Zusammenarbeitens
von Wissenschaft und Industrie angeführt.
Nicht weniger beachtenswert sind auch die
Ergebnisse z. R. der Ingenieurkunst, wobei
nur des Maschinenbaues und der Elektro-
industrie gedacht sei, um zwar gegen das
Raeyersche Wort, aber im Sinne seiner
Taten die These von der Fruchtbarkeit eines
Zusammenwirkens zu stützen. Und so fin-
den wir auch tatsächlich, daß in den letzten
10 Jahren eine zunehmende Zahl von Indu-
strien wissenschaftlicher Forschungsarbeil
ihr Augenmerk zugewendet haben, von der
sie sich wirtschaftlichen Erfolg ver-
sprechen. In den meisten Fällen ist, dafür
zeugt die Durchsicht der Fachliteratur, ein
solcher Nutzen auch talsächlich erreicht
worden. Nicht immer freilich trat er äußer-

lich mit der Erfindung grundsätzlich neuer
Verfahren an den Tag und dem oberfläch-
lichen Reurteiler könnte daher das Ergebnis
mager erscheinen. Dem widerspricht je-
doch die Tatsache, daß der Umfang der
Forschungslätigkeit auf allen Gebieten an-
dauernd wächst, und die Regründung liegt
für den Einsichtigen darin, daß der Wis-
senschaftler in einem mehr oder weniger
fremden Gebiet, dessen Tücken dem lang-
jährigen Praktiker natürlich vertraut waren,
zunächst Schritt für Schritt allein wei-
terfinden mußte und deshalb nach außen
gebunden war, daß aber weiterhin das zähe
Festhallen des Ziels und die Zuverlässigkeit
der Methoden wissenschaftlicher For-
schungsarbeit heute eine Rasis erobert
haben, von der aus in großen und kleinen
Dingen erfolgreiche Unterstützung der
Industrie in immer wachsendem Maße
möglich ist.

Was verstehen wir eigentlich unter solcher
wissenschaftlichen Forschungsarbeit und
wodurch unterscheidet sie sich von den in
der Industrie sonst üblichen Arbeitsmetho-
den? Stecken wir zunächst den Regriff der
„Wissenschaft" in unserem Sinne ab und
betonen wir, daß hier für die Lösung tech-
nisch-praktischer Fragen so gut wie aus-
schließlich die sog. „Naturwissenschaften",
also Physik, Chemie usw. in Frage stehen,
daß dagegen von der ebenfalls sehr wichti-
gen Forschung auf z. R. handelsrechtlichem
oder konjunkturstatistischem, kurz gesagt:
volkswirtschaftlichem Gebiet, nicht die
Rede sein soll. Der Sinn solcher wissen-
schaftlichen Forschungsarbeit ist nun zum
ersten gekennzeichnet durch das Streben
nach systematischer Untersuchung einer
Reihe von Erscheinungen, denen der indu-
strielle Retrieb im allgemeinen nur sehr
wenig Zeit widmen kann; denn er muß mei-
stens die Rearbeilung der Probleme da lie-
gen lassen, wo das unmittelbare Interesse
für sein wirtschaftliches Wohlergehen auf-
hört. Die Wissenschaft dagegen bringt um-

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