Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 2.1927

Seite: 89
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DIE AUSBILDUNG
DES NACHWUCHSES IN DER SEIDENWEBEREI
IN GESCHMACKLICHER HINSICHT

VON ALEX OPPENHEIMER, KREFELD

Die Ausbildung des Nachwuchses in ge-
schmacklicher Hinsicht ist für die Seiden-
weberei, soweit sie sich mit der Herstellung
gemusterter Gewebe befaßt, von außer-
ordentlicher Bedeutung.
Die Eigenart der Seidenweberei bedingt
hierbei gewisse Richtlinien, die ganz beson-
ders bei der Ausbildung der Musterzeichner
in den Vordergrund gestellt werden müssen:
Es muß bei diesen zunächst eine Ausbil-
dung erstrebt werden, welche den Zeichner
befähigt, selbständig Eigenes, Neues und
Zweckentsprechendes zu schaffen und seine
Arbeit in eine einwandfreie Form zu brin-
gen. Während aber für andere Industrien
eine rein zeichnerische Ausbildung genügen
mag, muß für den Musterzeichner der Sei-
denindustrie auch eine technische Vorbil-
dung gefordert werden. Diese muß soweit
gehen, daß sie den Zeichner in den Stand
setzt, seine Entwürfe nicht nur der Technik
anzupassen, sondern auch die Technik selbst
als gestaltendes Moment für die Musterung
zu benutzen. In der Musterung des Seiden-
stoffes sind die verschiedenartigen und un-
zählige Möglichkeiten zulassenden Bindun-
gen der Ketl- und Schußfäden von hervor-
ragender Bedeutung. Zunächst wird durch
sie das Grundgewebe, auf welchem das
Muster liegt, hervorgebracht, dann aber
auch ist die Wirkung des Musters von einer
geschickten Ausnutzung der Bindungslech-
nik abhängig. Selbst auf die Farbwirkung
ist diese Technik von erheblichem Einfluß.
Durch das kürzere oder längere Losliegen
der Fäden wird eine Farbe gehoben oder
gedämpft; durch die Technik ist es ferner
möglich, ein Ineinanderfließen der Farben
zu erzielen und hierbei Effekte hervorzu-
bringen, welche ohne genaue Kenntnis die-
ser Technik in dem Entwurf des Musters
nicht berücksichtigt werden können.
Es mag hier eingeschaltet werden, daß der
Musterzeichner in der Seidenweberei nicht

die Aufgabe hat, die meist sehr reichhalti-
gen Farbensorlimenle für das von ihm ge-
schaffene Muster herzustellen. Bei dem
schnellen Wechsel der Mode, gerade in be-
zug auf Farben, bei der Verschiedenheit des
Geschmackes sowohl auf den verschiedenen
Märkten, wie bei den einzelnen Käufern, ist
es Sache des die Fabrikation Leitenden oder
des die Wünsche des Marktes und der ein-
zelnen Abnehmer verfolgenden Verkäufers,
die Farbenausmusterung vorzunehmen. Die
Anregung hierzu muß aber der Zeichner
geben, und er muß sie in seinem Entwürfe
farbig zum Ausdruck bringen. Daher ist
es ebenfalls ein unbedingtes Erfordernis,
daß der Zeichner über ein feines Farben-
gefühl verfügen muß.

Es ergibt sich also, daß die Seidenweberei
von einem tüchtigen Zeichner folgendes
verlangen muß:

1. Eine allgemeine künstlerische Aus-

bildung.

2. Einen ausgebildeten Farbensinn.

3. Kenntnis der Technik

Es kann gar keinem Zweifel unterliegen,
daß die geschmackliche Ausbildung in
engster Verbindung mit der technischen er-
folgen muß, aber während die letztere nur
in der Webeschule geschehen kann, müßte
die erstere in die Kunslgewerbeschule ver-
legt werden. Es ist zuzugeben, daß diese
Teilung Schwierigkeiten mit sich bringt, be-
sonders dadurch, daß der Unterricht auf die
beiden Anstalten verteilt werden müßte,
aber mit Rücksicht auf das zu erstrebende
Ziel müssen diese Schwierigkeiten über-
wunden werden.

Was den Zeichenunterricht anbetrifft, so
hätte sich die Webeschule mit diesem zu
befassen, soweit er sich auf zwei Punkte der
Ausbildung bezieht:

a) auf das Patronieren. Der Schüler muß
in der Webeschule zeichnerisch soweit

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