Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 2.1927

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Element. Aber selbst diese Bilder würde ich lieber
nicht zwischen dem Text sehen, sondern als Mappe
für sich herausgegeben. Sie sind ein freies, selb-
ständiges Kunstwerk, nur angeregt durch die Mo-

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tivwelt eines Dichters, durchaus kein Versuch, die
poetische Phantasie in anmaßender Konkurrenz
irgendwie festzulegen.

Diese beiden Wege scheinen mir erlaubt und emp-
fehlenswert. Freilich zu ihnen gehört eine starke
selbslschaffende Kraft, für die der Dichter nur
den Funken wirft, der dann zu einem ganz eige-
nen Brande wird. Doch wir müssen die Forderun-
gen steigern. Nichts ist schädlicher für eine Kul-
tur als ein laues Anerkennen des Mittelmäßigen.
Zeichner, die keine persönliche Phantasie haben
und nur an den Krücken einer Dichtung herum-
hinken können, sollten den Stift ganz weglegen.
Nur dem Dichter ebenbürtige Geister haben das
Becht, sich ihm zu nahen. Die werden aber auch
den künstlerischen Takt haben und werden die
beiden Beiche unterscheiden können.

Um zum höchsten Genuß zu kommen, müssen wir
es uns schwer machen. Die große Kunst ist schwer.
Jenes heute übliche Illustrieren ist aber eine ganz
unzulässige Art, es sich leicht zu machen. Neuer-
dings ist auch hier der Tiefstand erreicht: selbst
Zeitschriftenromane bringen auf jeder Seite eine
Illustration des Vorganges. Die kleinste Phantasie-
anstrengung wird dem Leser abgenommen. Der
Dichter beschreibt eine schöne Frau, die in ein
Auto steigt, und schon sieht man sie daneben ab-
gebildet. Das ist ein neuer Versuch zur allgemei-
nen Verdummung. Die Phantasie verkümmert so
schon überall, diese Leute möchten ihr gänzlich
den Garaus machen.

Diese Zeilen werden gewiß Widerspruch erregen,
wie jeder Gedanke, der das Übliche, Konven-
tionelle angreift und auf energische Klärung
dringt. Aber ich meine, nichts tut uns heute so
not wie Klärung, Selbstdenken, Vorstoßen zu dem
Wesentlichen. Nur so können wir die Grundsleine
legen zu einer wahren Kultur.

RUNDSCHAU

„Werkkunst", Berlin 1927

Aus dem großen ,,Antikensaal" der Hochschule
in der Hardenbergslraße, einem wenig erfreu-
lichen Denkmal verflossenen akademischen Gei-
stes, hat Bruno Paul Ausstellungsräume geschaf-
fen, die im März mit einer Schau deutschen
Kunstgewerbes eröffnet wurde. Mit der Gestal-
lung dieser Bäume hat Paul wieder einmal seine
Meisterschaft in der Lösung solcher Aufgaben be-
wiesen, die von ihm getroffene Auswahl zeigt die
Sicherheit seines Geschmacks und seine Beherr-
schung des ganzen immer noch nicht leicht über-

schaubaren Gebietes. Das Ergebnis ist höchst er-
freulich und geeignet, auch diejenigen zu über-
zeugen, die bisher immer noch der ganzen Be-
wegung des modernen Kunstgewerbes mißtrauisch
gegenüberstanden.

Wird die Auswahl so streng und von einem so
sicher Urteilenden getroffen, wie es diesmal ge-
schehen ist, so ist schlechterdings nicht zu leug-
nen, daß diese Bewegung, die jetzt etwa dreißig
Jahre alt ist, also sozusagen in ihr zweites Men-
schenalter tritt, bereits zur Beife gediehen ist,
daß die früher oft bedenklichen Spuren einer

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