Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 2.1927

Page: 165
Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/form1927/0175
License: Free access  - all rights reserved Use / Order

0.5
1 cm
facsimile
auf diesem letzteren Wege könne, so hört
man oft, eine Zersplitterung der Kräfte und
eine unzulängliche und unerfreuliche Halb-
heit vermieden werden.

In dieser Ansicht, die zweifellos etwas Über-
zeugendes hat, liegt meines Erachtens eine
nicht geringe Gefahr und eine Verkennung
der Lebenskraft und Entwicklungsmöglich-
keilen, die in den kleineren Städten immer
noch vorhanden sind. Unzweifelhaft isl
etwas Richtiges an der oft ausgesprochenen
Meinung, daß auch in Deutschland zwangs-
läufig eine Zentralisierung der Kultur in
einer oder in ganz wenigen großen Städten
stattfinden müsse, daß der Prozeß der Pro-
vinzialisierung der übrigen Städte unauf-
haltsam sei: vor allem unter dem Einfluß
der großen wirtschaftlichen Zusammen-
schlüsse, dann aber auch als eine Folge der
allmählichen Umgestaltung der Staatsge-

walt ist eine gewisse Zentralisierung auch
der kulturellen Kräfte wahrscheinlich un-
vermeidbar. Wer aber diese Entwicklung,
die ja heute schon längst im Gange ist, auf-
merksam verfolgt, dem kann es nicht ent-
gehen, daß in Deutschland, ganz im Gegen-
satz etwa zu Frankreich, diese Zentralisie-
rung sehr starken inneren Widerständen be-
gegnet, die nicht nur Zeichen einer etwas
wehleidigen Romantik sind, die gern die
gute, alte Zeit der Kleinstaaterei wieder her-
beisehnt, sondern die echte Lebenskraft be-
weisen, die immer noch auch in den kleine-
ren Städten vorhanden ist, und sich in einem
ehrgeizigen Streben nach einer neuen Ent-
wicklung äußert. Diesem Streben wird
sicher auf manchen Gebieten keine Erfül-
lung beschieden sein, einfach weil der
Zwang der Verhältnisse zu mächtig ist, —
aber es ist nicht einzusehen, warum auch

165
loading ...