Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 2.1927

Seite: 166
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auf dem Gebiete der Kunst und des Kunst-
schulwesens nur in den größten Stadien eine
Entwicklungsmöglichkeit vorhanden sein
soll.

Wer lange Zeit in einer kleineren Stadt
ohne künstlerische Vergangenheit gelebt
hat, der weiß genau, welche Schwierigkeiten
sich der Entfaltung eines echten künstleri-
schen Lebens dort entgegenstellen. Die Lei-
tung des „Kunstlebens" ist dort meistens in
den Händen einiger weniger Kunstfreunde,
deren Urteilsfähigkeit meistens im umge-
kehrten Verhältnis zu ihrer Kunstbegeiste-
rung steht, und der mehr oder weniger zu-
fällig am Ort ansässigen Künstler, unter de-
nen wohl manchmal echte Talente sind, die
aber gerade dann, wenn sie Größeres wollen,
von der Schar der übrigen an die Wand ge-
drückt werden. Mit untrüglichem Instinkt
sorgen Bürger und Künstler dafür, daß das
bescheidene Niveau, das der Fassungskraft
möglichst weiter Kreise entspricht, um Got-

tes willen nicht überschritten werde. Nun
wird in einer solchen Stadt die ursprüng-
lich bestehende gewerbliche Fortbildungs-
schule, deren geschmackliches Niveau gut
zu dem künstlerischen der übrigen Stadt
paßte, zu einer Kunstgewerbeschule umge-
staltet. Ein Direktor und einige Lehrkräfte
von zweifelloser Bedeutung und nicht pro-
vinziellem Horizonte werden dorthin beru-
fen, und nicht mit einem Schlage aber ganz
allmählich ändert sich die Lage. Die heran-
wachsenden künstlerischen Talente der
Stadt und der Provinz, die vorher entweder
an dem Mangel einer guten Lehre zugrunde
gingen oder aber die Kunstschule der
Hauptstadt aufzusuchen gezwungen waren,
besuchen die neue Schule am Ort, die
Schule bekommt, weil sie nun schon einmal
da ist, von Behörden und vielleicht auch
von wohlmeinenden Bürgern, die etwas
übriges tun wollen, Aufträge; sie will auch
in Ausstellungen zeigen, was sie vermag, —

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