Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 2.1927

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KRITISCHE ANMERKUNGEN ZUR
WOCHEN EN D-AUSSTELLUNG

Rückschauend einige kritische Worte zur Berliner
Wochenend-Ausslellung zu sagen, dürfte auch in
diesen Blättern angebracht sein. Dabei soll die
Gestaltung der Ausstellung selbjl außer Betracht
bleiben, nicht weil an ihr unter Gesichtspunkten
der Qualität nichts zu kritisieren wäre — die
Kulissen-Dekorationen der einen großen Halle
könnten als bedenkliches Symbol mancher Ent-
gleisung betrachtet werden — sondern weil es uns
im Augenblick mehr um die Sache geht, der die
Ausstellung gewidmet war; die Technik der Ver-
anstaltung und des Aufbaues von Ausstellungen
selbst, die in Deutschland in letzter Zeit vielfach
in die Nachbarschaft des Jahrmarkisrummels ab-
zugleiten droht, bedürfte bei Gelegenheit einer be-
sonderen kritischen Würdigung für sich.
Die Bewegung für das Wochenende, die seit kur-
zem in Art einer Mode über uns gekommen ist, hat
dennoch tiefreichende Wurzeln. Sie hängt kul-
turgeschichtlich zusammen mit der Jugendbewe-
gung, und es läßt sich eine gerade Linie ziehen von
den ersten Steglitzer Wandervögeln bis zum kom-
fortablen Wochenendhaus mit vier Zimmern,
Küche, Bad und Wasserkloselt. Zeigt schon diese
Linie, wie die Bewegung, abgesehen vom geistigen
Inhalt, soziologisch sich über die Schicht der
Jugend hinaus in alle Altersklassen ausgebreitet
hat, so verdeutlicht die Berliner Ausstellung zu-
dem in ihrer Existenz und ihrem Inhalt, wie sehr
wirtschaftliche Gesichtspunkte und geschäftliche
Interessen sich ihrer bemächtigt haben. Niehl
eben durchweg zum Schaden der Sache: Die unge-
heure Umgestaltung unserer Lebensgewohnheiten
zieht mit Becht und Notwendigkeit die Produk-
tion entsprechender Bedarfsgüter nach sich, und
für viele Tausende von Stadtmenschen wäre das
Leben heule ohne Faltboot oder Zelt, ohne Motor-
rad oder Jugendherberge kaum mehr lebenswert.
Aber die Warenproduktion unserer Zeil entwickelt
sich nicht nur, indem sie einem sich entwickelnden
Bedürfnis nachfolgt und dient, sondern sie greift
gern über den erreichten Stand hinaus und treibt
rückwirkend durch ihr Angebot das Bedürfnis zu
rascherer Entfaltung. Natürlich war auch die
Wochenend-Ausslellung ein Stück dieses Vorgangs.
Und auf dem Gebiet, das den Werkbund vor allem
interessieren mußte, hat sich dieser Prozeß in
einem Grade verdichtet, der den Widerspruch her-
ausfordert. Wir meinen die Sonderausstellung
der Wochenendhäuser.

Daß eine solche Abteilung errichtet wurde und
daß sie einen so breiten Baum einnahm.) ist an sich

nichts Verwunderliches. Der Baulrieb unserer
Zeit, der doch wohl tiefer wurzelt als in der
bloßen Wohnungsnot, und der eine der hoff-
nungsvollsten Strömungen innerhalb unserer sonst
recht fragwürdigen Kullurentwicklung darstellt,
mußte sich notwendig aucli hier Gellung verschaf-
fen. Audi braucht wohl kaum besonders erwähnL
zu werden, daß rein architektonisch betrachtet re-
spektable Leistungen aus allen Gruppen der Bau-
kunst, von Rienierschmid bis Taul, zu sehen
waren: anzumerken wäre elwa, daß mindestens
ebenso Gutes von einzelnen reinen Industriefir-
men, ganz ohne künstlerische Beihilfe, gezeigl
wurde. Dagegen drängte sich jedoch der Gedanke
auf, daß die Aufgabe, die hier — und noch dazu
in der Form eines Architektenwettbewerbs — ge-
stellt war, mit Architektur im Grunde überhaupt
wenig zu tun halte. Was vollends das Preisgericht
sich bei seinem Urleil gedacht hat, sucht man
sich erst recht vergebens klar zu machen: Bei-
spielshalber halle der an erster Stelle preisgekrönte
Entwurf mit seinen ,.gemütlichen" herzförmigen
Ausschnitten in den Fensterläden weder irgend
eine Beziehung zu modernen baukünstlerischen
Tendenzen, noch ist selbst die Lösung der rein
technischen Aufgabe, die man etwa mit den For-
derungen: billigster Preis bei genauester Rauril-
ausnutzung, ausreichender Stabilität und gering*-
slem Gewicht umschreiben könnte, besonders
glücklich.

Was aber diese ganze Ausslellungsgruppe der
Wochenendhäuser als ein grundsätzlich verfehltes
Unternehmen erweist, sind wirtschaftliche und
soziale Erwägungen. Eine Besprechung im ,.Ber-
liner Tageblatt" von Dr. Paul Mahlberg hatte mit
Becht den Untertitel „Sie flunkern alle ein biß-
chen". Alle die Prospekte geben schon über die
Kosten ein falsches Bild. Aul' welcher Grundlage
man immer rechnen mag, ob von dem billigen
Typ, der 800 Mark kosten soll, oder von den
teuren Typen zu 5000 oder 6000 Mark, fast stets
muß man die Grundstückskosten, die Kosten für
Fundament und meistens auch Anstrich zurechnen.
Dann hat man noch kein Wasser, noch keinen An-
schluß an Gas, Elektrizität, Kanalisation, noch
keine Midibeseitigung. Steuern und Anliegerbei-
träge sind noch nicht bezahlt, das Stückchen Land
hat noch nicht die geringste Pflege, und der nach
deutscher Mentalität kaum entbehrliche Zaun fehlt
auch noch. Ein Betrag von 4000 Mark dürfte lin-
den billigsten Typ bei bescheidensten Ansprüchen
äußerst mäßig gerechnet sein. Das sind die ein-

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