Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 2.1927

Seite: 355
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dig und als Meisler in einer Innung vereinigt sind.
Auch ihre Tätigkeit gliedert sich. So stellt der
Reliefgraveur die mannigfaltigen Reliefstanzen
für die Massenerzeugnisse der Industrie her; es
sei hier nur an die ßesleckhefte oder reliefver-
zierlen Taschenmesserschalen erinnert. Die Ent-
würfe macht er ebenso wie der Damaszierer
größtenteils selbst, teilweise arbeitet er auch nach
gegebenen Entwürfen. Große Geschicklichkeil
und ein sehr gutes Auge erfordert die Tätigkeit
des Stempelgraveurs, der winzige Schrift- oder
Hohlkantenstempel in Stahl schneidet. Den Ab-
druck seiner Handfertigkeit findet man auf einem
großen Teil der Solinger Erzeugnisse.
Die Arbeiten des Schwertfegers dürfen an dieser
Stelle nicht übersehen werden, wenn auch seine
Tätigkeit in der letzten Zeit durch die Ungunst
der Verhältnisse sehr beschränkt wurde. Sein Be-
ruf ist mit dem des Gürtlers auf das engste ver-
wandt, in seiner Arbeit vereinigen sich verschie-
dene Händwerkszweige. So muß er ziselieren,
nach Modell gegossene Stücke nachziselieren,
schneiden, feilen und löten können; letzten Endes
muß er die einzelnen Teile einer Waffe zum fer-
tigen Stück zusammensetzen.

Für besondere Einzelstücke, die als Erinnerungs-
gaben Jahrhunderte überdauern und durch ihren
reichen Schmuck die Wertschätzung des Bedach-
ten kundgeben sollen, bleibt dann noch verschie-
denen Handwerkern des Kunstgewerbes Gelegen-
heit, ihr Können zu zeigen, so den Stahlschnei-
dern, den Ziseleuren, den Emailleuren, den Gold-
und Silberschmieden u. ä. Berufen. In der neue-
ren Zeit haben auch die Elfenbeinschnitzer sich
vielfach an Solinger Erzeugnissen betätigen
können.

Manche Gegenstände der Solinger Industrie, die
vorzugsweise Geschenkzwecken dienen, z. B.
Scherensätze, Handpflegeinstrumente usw. bedür-
fen der Aufmachung in Form eines Etuis, sei
es für den Toilettentisch, für die Reise oder für
die Handtasche der Dame. Und somit greift auch
das Porlefeuillerhandwerk stark in die Solinger
Industrie ein. In der Hand des Portefeuillers liegt
es, den beireffenden Gegenständen eine ge-
schmackvolle Umhüllung zu geben, um somit die
häufig kleinen Erzeugnisse in ansprechender Form
dem Käufer zu bieten.

An letzter Stelle sei noch des Gerätschaftschlos-
sers gedacht, der in der Stahlwaren-Industrie zu
den reinen Handwerkern gehört. Auch unter
ihnen findet sich eine Anzahl selbständiger Mei-
ster, denn eine große Zahl Fabrikanten läßt seine
Gerätschaften bei ihnen herstellen. Ihnen muß
ein ganz besonderes, feines Empfinden eigen sein,
arbeiten sie doch die Leisten und Gesenke, die

TASCHENMESSER, DAMASZIERT

Entwurf und Ausführung: Klasse Woenne und Fink
Fachschule für die Stahlwaren-Industrie in Solingen

Schnitte und Stanzen, also die Werkzeuge aus. die
die Grundform für das herzustellende Induslrie-
erzeugnis bilden; in seiner Hand liegt es, viel-
leicht nur durch einen Feilenstrich lausenden und
aber lausenden Gegenständen eine gute oder
schlechte Form zu geben. Dem Zuge der Zeit
folgend, machen sie allerdings bei ihren Arbeilen
von der Hilfe mannigfacher Werkzeugmaschinen
Gebrauch.

Wenn auch diese Ausführungen nicht alle Hand-
werker der Solinger Stahlwaren-Industrie erfas-
sen, denn deren Zahl und Art ist bei der Vielsei-
tigkeit der Erzeugnisse weit umfangreicher, so
dürften sie vielleicht genügen, um erkennen zu
lassen, welche große Bedeutung und welch wich-
tige Stellung das Handwerk heule noch in dieser
Industrie hat. Die neuesten Rationalisierungsbe-
slrebungen einiger Großfirmen gehen zwar darauf
aus, die selbständigen Handwerker aus den Heim-
werkslätlen und Hausslellen in die Fabriken hin-
einzuziehen; doch selbst, wenn dieser Prozeß
in Zukunft, was immerhin noch zweifelhaft ist,
restlos durchgeführt werden sollte, so würde das
an der Bedeutung des Handwerkers bei der Her-
stellung der Stahlwaren nichts ändern. Und das
zum Segen der Industrie, die heute mehr als je
frei schaffende Männer braucht.

VOM SINN DES HANDWERKS

zur Ausstellung .,Das Bayerische Handwerk1', München 1927

Die Bayerische Handwerksausstellung konnte dem
aufmerksamen Besucher äußerst wertvolles An-
schauungsmaterial erschließen für die Beurteilung
der Probleme des Handwerks in der Gegenwall.
Der wesentliche Inhalt dieser Ausstellung — so-
weit er die Gegenwart umfaßte — bestand nicht
in der Schaustellung fertiger Erzeugnisse, sondern

in der Vorführung von Arbeitsprozessen. In etwa
60 Werkstätten wurde Handwerksarbeit der Gegen-
wart vorgeführt — nicht nur Handarbeit, sondern
auch die Anwendung von Arbeitsmaschinen im ge-
werblichen Beirieb.

Eine historische Abteilung zeigte eine erlesene
Au>wahl von Werken aller Handwerkskunst au>

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