Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 3.1928

Seite: 65
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Wir haben in diesem Heft, das die Gestaltung des Gartens behandelt, absichtlich den be-
zeichnendsten Vertretern verschiedener Ansichten über Gartengestaltung und über den richtigen
Ausgangspunkt für diese Gestaltung das Wort gegeben. Die Schriftleitung

DER GARTEN ALS KULTURERSCHEINUNG

Kein Kulturvolk der Erde war ohne Garlen-
freude. Die nachweisbaren Anfänge der Garten-
kunst vermitteln uns in Fülle ursprüngliche und
naive Eigenleistungen, die dem Charakter und den
Lebensanschauungen des betreffenden Volkes ent-
sprachen. Im Laufe der Jahrtausende erstarrte
auch die Gartenkullur zur Garlenzivilisalion, wie
wir sie schließlich in höchster Vollendung in den
Prachlschöpfungen des vierzehnten Ludwig ver-
körpert finden. — — —

Die ideale Rekonstruktion eines ägyptischen
Hausgarlens vor 4600 Jahren von Violett-le-Duc
zeigt schon die allgemeinen Wesenszüge unseres
heutigen Archileklurgaiiens, — schattige Baum-
gänge, geradlinige Wege, Blumenbeete, Garten-
bad und Fischleiche. In Mesopotamien waren es
die Assyrischen Königsgärten, von deren Pracht
uns die Reliefs aus dem Palast zu Kujundschik
erzählen. Wundeidinge hören wir von den hän-
genden Gärten Babylons, von dem Garten an dem
Palast zu Pataldputra (dem Palast der tausend
Säulen) des Königs Dultha Gämani (161—137
v. Chr.) und der späteren steiferen Gartenpracht
an den Palästen der Badschputfürsten. Hier war
der Garten schon Träger einer religiösen Symbo-
lik, — der Blume. — Diese Gartenformen waren
streng formal gegliedert, mit ausgesprochen geo-
metrischem Grundriß. Bei den Assyrern führte
der Baumkultus zu, ebenfalls vorwiegend regel-
mäßigen, Baumparks mit Wasserläufen, Lusthäus-
chen und dergl. Vielfach bestanden hier auch
noch sehr ausgedehnte Jagdparks, deren weiteren
Ausbau sich besonders die Perser angelegen sein
ließen. Durch Xenophon wissen wir, daß auch
diese Parkanlagen regelmäßig waren. Die spätere
Garlenkultur der Perser ist durch umfangreiche,
auf Terrassen belegene Rosengärten gekennzeich-
net. Das Bild jener vergangenen östlichen Gar-
lenkultur würde unvollständig sein, wenn hier
nicht noch des herrlichen Parkes, den König Para-
kama im 12. Jahrhundert in Polonnaruva anlegen
ließ, Erwähnung getan würde.

Ein Land, dessen jahrtausendealter gemüts-
tiefer Garlenkultur hier besonders gedacht werden
muß, war China. Wir besitzen fast lyrisch an-

mutende Gartenschilderungen der Gärten und
Parkanlagen hoher chinesischer Würdenträger.
Die wertvollste und ausführlichste dieser Art ist
wohl die, des um das Jahr 1950 v. Chr. lebenden
chinesischen Ministers Simakuang. Seine Erzäh-
lungen von seinem Landsitz verraten die Innigkeil
des .Nalurempl'indens. die auch von der sonst
durchaus gegenpoligen Dichtkunst unserer mittel-
alterlichen Minnesänger nicht überboten wird.
Hierher gehören dann auch Okakuras reizende
Gartenschilderungen im „Buch vom Thee". Die
Gartenkullur Chinas, die in ihrem Ablauf viele
verwandte Züge mit der unsrigen aufweist, — ge-
langte sie doch auch über den aus geometrischen
Anfängen entwickelten Architeklurgarlen zur
Landschaftskunst — fand ihren höchsten Aus-
druck in der Ausgestaltung der chinesischen Land-
schaft unter Einbeziehung ihrer Kultslälten. Diese
Landschaftskunst, die ein — uns kaum versländ-
liches — fluidales Baumgefühl voraussetzte, gab
nach ihrer Entdeckung durch europäische Bei-
sende den Anstoß zur Ausbreitung des Land-
schaftsgartens auf dem Kontinent. —

Es ist besonders reizvoll, den Anfängen der
abendländischen Gartenkultur im allen Germanien
nachzugehen. Wir entnehmen hier einem Bericht
von Priscius, der 446 v. Chr. als Gesandter an den
Hof Attilas reiste, Schilderungen von prächtig ge-
schnitzten Königshallen am Rhein, sowie aber
auch von besonders künstlerisch hergestellten
Holzzäunen „aus geglätteten Balken, die aufrecht
in Entfernungen voneinander aufgestellt waren,
bekrönt mit geschweiftem und zusammenschwin-
gendem Holzwerk", — worunter wohl Lauben-
gänge zu verstehen sind. Daß die Siedlungen der
Germanen schon eine Nutzgartenform am Hause
kannten, hören wir aus der Lex Salica Emendata.
Doch auch schon frühzeitige Kunstformen müssen
bestanden haben, besonders weist hier Carus
Sterne auf, der prähistorischen Zeit angehörige
Formengebungen, labyrinthische Steinsetzungen
hin, die zunächst kultischen Zwecken dienten, im
frühen Mittelaller dann als Irrgarten, und in den
Klöstern in Form von Mosaiklabyrinthen wieder
in Erscheinung treten. Im Walthariliede erfahren

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