Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 3.1928

Seite: 192
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Diese Blätter wurden vor kurzem im Gewerbe-
museum zu Darmstadt ausgestellt, und fanden bei
der hessischen Lehrerschaft die größte Beachtung.

Aber weit darüber hinaus haben sie ihre Be-
deutung.

Wenn Kinder in so großer Anschauung der
Form aufwachsen und angeregt werden, selbsttätig
solche Form zu schaffen, so ist das eben das Beste,
was Kindern überhaupt gegeben werden kann.

Aus diesem bemerkenswerten Versuch ergeben
sich Ausblicke auf eine große Aufgabe des
Schreibunterrichts. Unsere Zeit braucht nichts so
sehr als die Abkehr von allem kleinlichen
Schmuck- und Zierwesen. Daß das Auge auf
große Beziehungen, auf höchste Einfalt und Zu-
sammenfassung gerichtet wird, daß wir in der
schlichten Abwägung von Verhältnissen, in der
einfachen Gegensetzung von Flächen die Aufgaben

der Gestaltung sehen und nicht mehr im Schmük-
ken und Ornamentieren, das ist das Notwendige.
Alle Aufgaben der Gestaltung scheinen sich ja in
unserer Zeit in diesem Sinne auswirken zu wollen,
und das ist gut.

Daß da auf einmal zwölfjährige Volksschüler
Bedeutenderes leisten als viele Kunstschüler und
Akademiker, ist ein schönes und erfreuliches Zei-
chen der Zeit. Gewiß handeln die Schüler ganz,
und vielleicht auch der Lehrer wenigstens zum
Teil unbewußt, aber eben das macht die Leistung
so erfreulich und hoffnungsvoll.

Kann man sich einen Zeichenunterricht denken,
der so im besten Sinne modern ist?

Die Arbeiten stammen aus der Klasse des Herrn
Lehrer Forcher an der Schillerschule zu Darm-
stadt. Rudolf Koch

BUCHBESPRECHUNG

Deutsche Volkskunst von Konrad nahm.
Deutsche Buchgemeinschaft G. m. b. IL, Berlin.

Die ,,Deutsche Buchgemeinschaft", eine der
rührigsten und kulturell ernsthaftesten jener zahl-
reichen Vereinigungen, die unter dem Einfluß
des kollektivistischen Geistes der Gegenwart heute
überall entstehen, und die bei ihrer hohen Mit-
gliederzahl für unser Geistesleben in der Tat
Wichtiges bedeuten, gibt ein Buch über ^ olks-
kunst heraus. Sie folgt damit jener Strömung,
die wohl immer noch im Anwachsen begriffen
ist, und die sich in dem neu erwachten Interesse
an aller primitiven und anonymen Kunstübung
äußert. Wir haben aus unseren Bedenken gegen
eine allzu kritiklose Beschäftigung mit derlei Din-
gen und gegen die darin verborgene Gefahr einer
ungesunden Romantik niemals ein Hehl gemacht,
begrüßen aber gerade deshalb das vorliegende
Buch, weil es von einem wirklichen Kenner des
Stoffes zusammengestellt und geschrieben ist und
eine kritische Einstellung keineswegs vermissen
läßt. Das Bildermaterial ist vortrefflich ausge-
wählt und wirkungsvoll zusammengestellt, wenn
auch die drucktechnische Wiedergabe, wohl in-
folge der außerordentlich hohen Auflage des
Buches, einiges zu wünschen übrigläßt. Der Text-
teil aber hält sich von der auf diesem Gebieto
leider sonst weit verbreiteten Schwärmerei völlig
frei und bringt eine Fülle von tatsächlichen Fest-
stellungen, aus denen jeder, der sich mit der
Volkskunst bisher noch nicht viel befaßt hat und
wahrscheinlich auch mancher Spezialist Wichtiges
lernen kann. Das Wesentlichste scheint mir der
Nachweis zu sein, daß es sich bei der Volkskunst
nicht nur um die Erzeugnisse eines primitiven
ästhetischen Formtriebes handelt, der sich der von
den höheren Ständen geschaffenen Formen be-
mächtigt, daß vielmehr die Volkskunst in ihrem
größten und wichtigsten Teil unlösbar mit dem

„Brauchtum" verbunden ist, also unmittelbarer
Ausdruck der Gebundenheit des Bauerntums an
ganz bestimmte Lebensformen von tiefer Sym-
bolik ist. Daraus ergibt sich die Folgerung, und
der Verfasser scheut sich auch nicht, das klar
auszusprechen, daß mit der Auflösung der Stände
und mit dem Verschwinden der strengen Bin-
dungen die natürliche Grundlage für die Volks-
kunst von selbst verschwunden ist. Wer das er-
kannt hat, der wird nicht in der Volkskunst „den
Heimalboden aller gesunden schöpferischen Ent-
faltung" sehen wollen, wie ej der Rcichskunst-
wart Dr. Bedslob in einem dem Buche beigegebe-
nen Geleitworte tut. Er wird vielmehr der Volks-
kunst in Gegenwart und Zukunft nur dann noch
eine Entwicklungsmöglichkeit zubilligen, wenn er
mit dem Verfasser die neuen Keime einer Ge-
meinschaftsbildung, die sich da und dort zeigen,
für entwicklungsfähig in der Richtung auf hand-
werkliche Kunstübung hält. Im übrigen wird er
mit dem Verfasser die Bedeutung der Volkskunst
für unsere Zeil darin sehen, daß sie uns schöp-
ferisches Leben der Vergangenheit unmittelbar
vor Augen führt und uns zu zeigen vermag, wie
auch primitives handwerkliches Können, wenn es
nur von echter Schöpferkraft und lebendigem Ge-
fühl beseelt ist, zu erfreulichen Ergebnissen
führen kann. Nur in diesem Sinne können wir
aus der alten Volkskunst, deren Erzeugnisse zu
sammeln, stets eine Aufgabe von großer Bedeu-
tung bleibt, wenn auch ihre Formenwelt, wie auch
aus diesem Buche wieder klar wird, uns heute so
fern steht und fremd ist wie kaum etwas anderes,
für unsere eigene Arbeit etwas lernen. W. R.

Anschriften der Mitarbeiter dieses Heftes:

//. de Fries, Architekt, Professor an der Staatlichen Kunstakademie

in Düsseldorf, Eiskellerberg
Waller //. Dreßler, Frankfurt/M., Schöne Aussicht 9
Hildulf Koeh, Ottenbach M., Kunstgewerbcschule

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