Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 3.1928

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seinen Zweck nicht erfüllt, ist ein Anzug, der
nicht paßt. .Man nimmt ihn dem Schneider nicht
ab und sagt, er sei ein Stümper. Nicht ein schlech-
ter oder wenig guter Schneider, sondern einfach
ein Stümper. Wozu viel Wesens machen um die
notwendige Erfüllung der Aufgabe? Das Betrach-
tenswerle beginnt erst jenseits der vorausgesetzten
Zweckhafligkcil, nämlich bei der Gestalt, der
optisch erkennbaren Bewilligung der Aufgabe.

Auch die Befriedigung des neuen Lebensgefühls
hat nocli nichts mit der Gestalt zu tun, auch sie ist
eine Voraussetzung. Ob der Rock lang oder kurz,
die Hose schmal oder weit ist, das hat noch nichts
mit der Qualität des Anzuges zu tun. Das ist Vor-
aussetzung bei der Bestellung und ermächtigt mich
bei falscher Lösung zur Abnimmeverweigerung.
Genau so liegt es mit der sachgemäßen, zweck-
mäßigsten Konstruktion. Auch ihre Lösung ist
eine einfache Berufsverpflichtung.

Die Qualität des Bauwerkes beginnt erst jen-
seits der Erfüllung dieser Voraussetzungen. was
nicht ausschließt, daß sie gerade in der Art liegt,
wie die einzelnen Voraussetzungen zu geschlossen-
einheitlicher Lösung geführt sind. In der Mannig-
faltigkeit der Lösungsmöglichkeiten liegt Hoff-
nung (und Gefahr) antiuniformistischer künstle-
rischer Lösung, in der starken Bindimg vieler
Voraussetzungen, die die Variationsmöglichkeit
der Lösung stark hemmen, erhoffte Nähe eines
„Stiles". Die starke Gleichheit der Voraussetzun-
gen in fast allen mitteleuropäischen Ländern be-
dingt von vornherein einen internationalen
Charakter dieses Stiles.

Welches aber sind die Kriterien der Qualität des
Bauwerkes? Und hat dieser beginnende neue Stil
Qualitätsmomente, die einer anderen Wertungs-
reihe angehören als die der bisherigen Stile? Die
Grundqualilät jedes Bauwerkes ist die jedes ande-
ren Kunstwerkes: die Einheitlichkeit der Gestalt,
die zwangsläufige innere Form des Gesamtkör-
pers, die sich in allen seinen Teilen ausdrückt.
Diese Grundqualität hat selbstverständlich der
neue Stil mit allen anderen vorhergegangenen ge-
mein und damit kann er keine neuen wesentlichen
Qualitätsmomente haben. Auch das mir als zweil-
wesenllicbsle Qualilätskriterium erscheinende Pro-
portionsgefühl (streng genommen in der Einheit-
lichkeit der Gestalt schon enthaltenj haben alle
Stile gemeinsam. Jedoch hat sich dieses mit der
aus der neuen Konstruktion geborenen neuen
Statik ganz wesentlich verschoben. Besonders im
Verhältnis tragender zu lastender Teile, im Ver-
hältnis horizontal oder vertikal gestufter Hcihung
von Baumasse (Wand) und Öffnung, wobei das
Gefühl für die Horizontale (trotz des beliebten
Hochhauses) ganz eindeutig vorherrscht und als
erkennbarstes Charakteristikum des neuen Stiles
hingestellt werden kann. Audi das Verhältnis des
eigentlichen Baukernes zum Dach hat sich bis zur
Aufhebung jedes Verhältnisses dieser beiden ver-
schoben.

Trotzdem — mit unsern Organen und aus unse-
rer Überzeugung von der ewigen Gültigkeil der

Wesenheiten können wir nur wiederholen: die
Grundqualilälen des neuen Bauwerkes sind die
gleichen wie die aller vorherigen Bauwerke und
man kann im Einzelfalle gut und schlecht jeder-
zeit entscheiden und diese Entscheidung greifbar
belegen. Eine weitere Ausführung zu diesem
Punkte würde hier zu weit führen.

Alfred Weber hat auch behauptet: ein solcher
Einschnitt in der geschichtlichen Entwicklung wie
zwischen gestern und heute wäre noch nie dage-
wesen. Viele sagten, jeder Übergang von einer
Zeit- (Stil-) Periode zur nächsten, neuen, sei den
Zeitgenossen wie eine ungeheuere Umwälzung er-

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schienen und solche Behauptungen könne man erst
aus größerer geschichtlicher Dislanz aufstellen.
Ich glaube, Weber hat recht. Soziologisch hal
er seine Behauptung wiederum nicht begründet
und gerade hier scheint mir ihr Schwerpunkt zu
liegen. In früheren Zeit- (Stil-) Wenden haben
immer die neu zur Herrschaft gelangenden Klas-
sen ganz eindeutig das Bestreben gehabt, die
Lebens- und Kulturformen der vorher herrschen-
den Schichten mit (möglichst) geringen Änderun-
gen zu übernehmen. Am stärksten wohl das Bür-
gertum gegenüber dem Adel. Heute ist dieses Be-
streben beim neuen Stande zwar auch noch stark
vorhanden, aber nicht mehr so eindeutig, und es
wird vor allem durch die dem Bürgertum abge-
wandten Intellektuellen und Schaffenden stark ver-
hindert. Soweit sich dies auf die neue Architek-
tur bezieht, sprechen für die Besonderheit dieses
Zeiteinschnittes gegenüber vorherigen selbstver-
ständlich auch andere Umstände mit, die durchaus
neu sind und die die außerordentliche heutige
Siluation erklären: 1. der Zwang zu größter Spar-
samkeit, der eine bisher in solchem Umfang be-
stimmende Zweckhaftigkeit und Ökonomie der
Jliltel nicht kannte; 2. die neuen Baustoffe und
Baumethoden, die alle bisherige Statik über den
Haufen werfen und dem Künstler Freiheiten ge-
währen, von denen er früher kaum zu träumen
gewagt hätte; 3. das durch Technik, Sport und
Großstadt geförderte neue Lebensgefühl; 4. die
ideologische Feindseligkeit der Massen gegen alles
Überkommene, die früher nie derart erkennbare
Sucht nach Neuem, Andersgestalletem, die Tradi-
tionslosigkeit und Feindseligkeit der Jugend
u. a. m. Alles Momente, die es in früheren; Zeit-
wenden nicht gab oder die zumindest nicht mit
derartiger Intensität auftraten und rein quantita-
tiv nie von einer solchen Fülle von Menschen ge-
tragen worden sind. Also: wir leben durchaus in
einein Zeitpunkt, der sich von früheren Zeilwen-
den gewaltig unterscheidet und unser Stil will
daher mit anderen Augen angesehen, mit anderen
Argumenten verteidigt oder bekämpft werden.

Ob dieser Stil geeignet sei, Sakralbauten zu ge-
stalten? Diese Frage Pinders war recht peinlich
und überflüssig. Man könnte mit ebensoviel Becht
und Geschmack fragen, ob diese Zeit geeignet sei.
Sakralbauten zu beauftragen. Die heutigen Men-
sehen empfinden freilich den Völkerbundpalast
nicht als Sakralbau, würden ihn aber auch bei

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