Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 3.1928

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hat wohl bei der ganzen Arbeit kein einziges Mal
an die Existenz des Werkbundes gedacht.

Es ist noch viel zu tun bis 1932! W. R.

Der Landesverband akademisch gebildeler Zei-
chenlehrer an höheren Schulen Sachsens hat dem
Werkbund folgende Mitteilung zugehen lassen:

„Der Zeichen- und Kunstunterricht ist das ein-
zige Unterrichtsfach an höheren Schulen, durch
das die kulturellen Bestrebungen des Werkbundes
gefördert werden. Lehrplangemäß will er alle
jungen Menschen, die die höhere Schule durch-
laufen und später einmal auf den verschiedensten
Gebieten führend sein sollen, auch mit den Zielen
und Bestrebungen des Werkbundes vertraut
machen. Aus pädagogischen Gründen ist dieses
nur auf der Oberstufe möglich.

Nach dem neuesten Stand der Reformbestre-
bungen in Sachsen soll aber — im Gegensatz zu
der „Denkschrift über die Neuordnung des höhe-
ren Schulwesens", nach der diese bisherige Lücke
in der Schulbildung mit Recht ausgeglichen wer-
den sollte — am Gymnasium und Realgymnasium
Zeichnen als Pflichtfach fallen, die einzige Stunde
für die Kunsterziehung soll zugunsten einer 16.
odej- 17. Sprachstunde geopfert werden. Zeichnen
wird wahlfrei neben Musik oder Biologie. Es
steht somit zu erwarten, daß der Kunstunterricht
an der Mehrzahl der höheren Schulen nur von
wenigen interessierten und begabten Schülern be-
sucht wird, zumal die Zeichenzensur bei der
Reifeprüfung nicht voll gewertet wird."

Die Nachriehl ist betrübend, daß es Leute gibt,
die den Zeichenunterricht am Gymnasium und
Realgymnasium nicht mehr als Pflichtfach sehen
wollen. Wenn man den Zeichenunterricht aller-
dings nur auffaßt als Schulungsmittel für beson-
ders begabte künstlerisch veranlagle Schüler, so
liegt eine gewisse Berechtigung darin, wenn man
ihn nur zum Wahlfach erklären will. Aber das ist
ja durchaus nicht sein Sinn, und die verschiede-
nen sehr interessanten Experimente einiger Zei-
chenlehrer, die starre Systematik des bisherigen
Zeichenunterrichts, der sich nur auf Naturwieder-
gabe erstreckte, zu durchbrechen, und das schöp-
ferische Moment im Kind aufzugreifen, können
und dürfen als interessante Versuche gewertet
werden, aber keinesfalls als eine neue Form der
Kunsterziehung. Der Zeichenunterricht soll in
allererster Linie den Schüler in Raum und Fläche
denken lehren, seine Vorstellungskraft stärken
und ihn gewissermaßen handwerklich so weit aus-
bilden, daß er mit dem Zeichenstift seinen Vor-
stellungen eine Wiedergabe schaffen kann, die
andere Menschen verstehen können. Das Zeichnen
in diesem Sinne ist eine Art Verständigungsmittel,
das jeder Mensch beherrschen soll und der, der
die höhere Schule besucht hat, in noch stärke-
rem Maße. L,

Buchbesprechung

Hermann Schmitz, „Das Möbelwerk", mit 683
Abbildungen, Verlag Ernst Wasmuth, Berlin.

Dieses dicke schwere Buch gibt zunächst einen
möglichst kurz gefaßten textlichen Überblick über
die Möbelformen fast aller der Länder, die den
Möbelbau besonders kultivierten, und zeigt dann
— auf 320 Seiten — Möbelbilder, die den vor-
aufgegangenen Text sehr erschöpfend illustrieren.
Es ist ein gut ausgestatteter Quartband, den man
beinähe als „neues Lexikon alter Möbelgeschich-
ten" bezeichnen könnte, und der wohl allen Er-
wartungen entspricht, soweit man gewissermaßen
kurz und unterhaltlich die unendlich reiche Welt
geschichtlicher Möbelformen kennen zu lernen
sucht, oder soweit man überhaupt das Wundervolle
alter Werkstattarbeilen liebt und diese immer
wieder — und sei es auch nur in guten Lichtbild-
drucken — zu sehen wünscht.

Die Bilder hier sind allerdings mit einer star-
ken Vorliebe für das Prunkvolle ausgewählt, es
werden hier aus den verschiedenen Ländern und
den verschiedenen Zeitabschnitten der Hauptsache
nach immer wieder nur Prunkslücke gezeigt; diese
vorzugsweise zu präsentieren, liegt allerdings wohl
immer sehr nahe, wo wir überhaupt geschichtliche
Möbel in Bildern sammeln, weil es schon immer
so war, wie es auch heute ist, daß die knappen
oder „ärmeren" Formen im allgemeinen — ob
mit Recht oder Unrecht — auch für die minder-
wertigeren oder für die weniger kostspieligeren
gehalten und folglich im allgemeinen auch immer
und überall nur wenig behütet wurden und leicht
verloren gingen. Aber es waren durchaus nicht
immer die besten Werkstätten oder die besten
Meisler, die die prunkvollsten Möbel arbeiteten,
und ebenso sind diese für die Zeit ihres Entstehens
durchaus nicht immer die interessantesten oder
charakteristischsten, man möchte sagen, im Gegen-
teil, wo der Prunk am sinnfälligsten ist, ist immer
etwas ganz wesentlich Krankes mit im Spiel; so ist
in wichtigsten Hinsichten etwa das sozusagen sehr
provinzielle, etwas schüchterne Barock, das uns
gelegentlich begegnet, allermeistens unvergleichlich
interessanter, lebendiger und aufschlußreicher als
das Barock reichster Fürstensitze, reichster Pa,-
trizierwohnungen usw. In der reichen Gesellschaft
vornehmster Möbelbildcr, die das vorliegende
Schmilzsche ,,Möbelwerk" zeigt, fehlen sozusagen
deren eigentlich provinzliche Verwandten, und so
hat es trotz seines großen Reichtums etwas merk-
würdig Unproblematisches, beinahe Müdes; im
übrigen aber ist es von vorn bis hinten ein sehr
nobles Buchwerk, das ebenso für die Bibliothek
des wohlhabenden Privatmannes wie für alle grö-
ßeren Fachbibliotheken so ungefähr jede Emp-
fehlung rechtfertigt. Heinrich Tessenow.

Anschriften der Mitarbeiter dieses Heftes:

Dr. Erna Meyer, Unterzeismering 26, Post Tulling Oby.

ProfeMor Wilhelm Schnarrenberger, Karlsruhe i. B., Südcndslr. ag

Friedrich E. Krauß, Inhaber der Kraußwcrkc, Schwanenberg/Sa.

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