Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 3.1928

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SCHÜLERZEICHNUNG

Kunstgewerbeschule Frankfurt
Klasse Lisker

Die Form wurde innner wieder aus der For-
mentradition der Kunst erzeugt: Pallas
Athene, die aus dem Haupte des Zeus ge-
borene, war die Göttin dieser Kunst, die mit
dem dorischen Tempel, einer in Stein über-
setzten Holzkonstruktion, anhebt. Die neue
Baukunst will nun keineswegs, wie einige
meinen, die funktionellen Faktoren allein
schalten lassen: sie strebt auch nicht etwa
einen günstigeren Kompromiß zwischen den
funktionellen und rein formalen Faktoren
an. Mit dem nüchtern abwägenden ^ er-
stand, der genau die Mitte wählt zwischen
der geometrischen Form und der „Natur-
form", bringt man keine künstlerische
Schöpfung hervor. Man bleibt damit in den
akademischen Gefilden der Hildebrand-

schule oder in der billigen Stilisierung des
Kunstgewerblers. Denn „Naturform" ist
ein Begriff und keine Anschauung. Die
\\ elt der anschaulichen Formen ist nicht
real, dreidimensional vorhanden, sondern
ein geistiger Bezirk. Deshalb sieht die neue
Baukunst (wie die neue Typographie) im
funktionellen Bestand ihrer Aufgaben nicht
ein Hindernis, nicht einen Beibungskoeffi-
zienten, nicht ein notwendiges Übel, sondern
geradezu das OBJEKT, den Gegenstand der
künstlerischen Gestaltung. Künstlerische
Gestaltung heißt aber nichts anderes, als den
Gegenstand hinaufheben in diese geistige
Sphäre anschaulicher Formen. Der mo-
derne Gestalter blickt also dem funktionel-
len Bestand voll ins Gesicht, und nimmt

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