Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 3.1928

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räume (Eßsaal, Musikraum, Rauchzimmer, Biblio-
thek usw.) sind zentral gelegen.

c) Von den beiden vorgesehenen Geschossen
führen die unteren Zimmer direkt in den Garten,
die im Obergeschoß liegenden auf eine Terrasse.
Der Bewegungsfreiheit der Bewohner ist somit
weitestgehend Rechnung getragen.

Der zweigeschossige Bau ist jedem mehrgeschos-
sigen vorzuziehen, um jedem Rentner die Mög-
lichkeit zu geben, leicht den Garten (ohne viele
Treppen!) zu erreichen.

d) Im Erdgeschoß des mittleren Traktes befin-
den sich die Küche, die Anrichte und die Kühl-
kammern sowie der eigne Eingang für die Liefe-
ranten, außerdem der Zugang zu dem Vorrats-
keller. Es wurde besonderer Wert auf die Orga-
nisation der Wirtschaft gelegt (Ankunft der
Lebensmittel durch den Lieferanten, Lagerraum,
Zubereitung).

e) Die Wohnung der Angestellten liegt außer-
halb des eigentlichen Betriebes. Hierdurch ist das

Einhalten der Arbeitsstunden gesichert und eine
Beanspruchung des Personals außerhalb der
Dienstzeit ist nicht möglich.

Konstruktion.

Der Standardbau ergibt ein regelmäßiges
Stützensystem. Die Tragkonslruktion ist ein
Eisenskelett mit einer freitragenden Länge von
3,85 m. Die Decken in Bimsbetonplatten, die
Fenster Eisen.

Schlußbetrachtung.

Bei dem vorliegenden Projekt ergibt sich die
äußere Form ausschließlich als Resultat der inne-
ren Organisation. Es ist in keiner Weise Konzes-
sion an irgendwelche Monumentalität gemacht
worden. Ein repräsentativer Garten wurde eben-
falls nicht geschaffen. Im Gegensatz hierzu sollte
dieser an erster Stelle Wohngarten, das Gebäude
Wohngebäude sein.

GLASAUSSTELLUNG

Die Arbeitsgemeinschaft für Handwerkskultur
hat in den Vereinigten Staatsschulen für freie und
angewandte Kunst eine Glasausstellung eingerich-
tet, die den Titel „Glas und Metall" führt. Es ist
ohne Zweifel sehr verdienstlich, einmal das zu-
sammenzutragen, was mit dem Material des Gla-
ses, das auch als Baustoff immer mehr Beachtung
findet, geschaffen wird, vor allem, wenn man,
wie es hier geschehen ist, den Hauptwert auf solche
Erzeugnisse legt, die im Rahmen der modernen
Gestaltung und der modernen Wirtschaft eiae be-
sondere Rolle spielen. Auch wird versucht, dem
Gewerbe, besonders der kleineren HiiUe, neue Ge-
biete zu erschließen, so bei den thüringischen Glas-
kugeln, die in einem sehr hübschen Raum mit
Spiegeln aufgehängt sind, wodurch auf ihre Ver-
wendbarkeit zu Dekorationszwecken aufmerksam
gemacht werden soll. Von höchster Wichtigkeit
ist das, was mit dem Glas als Baustoff gezeigt
wird. Hier fällt besonders der Operationsraum
auf, mit matten grauen Glasplatten ausgelegt, ein
herrliches Material. Wo das Glas als Spiegelglas
in seinen verschiedenen Färbungen gezeigt und
durch Metall gefaßt und gehalten wird, ist man
erstaunt, wie gefühllos man das Material verwer-
tet hat, besonders, wenn man den Glasraum der
Stuttgarter Ausstellung, den Mies van der Rohe
geschaffen hat, damit vergleicht. Mies hat mit
dem Glas gestaltet und die besondere Eigentüm-
lichkeit des Materials auch als künstlerischen Ge-
staltungsfaktor benutzt. Hier in Berlin hat man
die Glasflächen, teilweise herrliche, gebogene
Stücke, mit ganz schweren Melallbalken eingefaßt,
so daß das Glas nicht mehr als Fläche, sondern als
Loch wirkt. Die sehr spielerische Behandlung von

einzelnen Reflexwirkungen und die i;;«;ichmal nii
Irrgärten erinnernde AufsteJJang von Spiegeln
und Glasflächen berührt nicht sehr angenehm.
Man hat das Gefünl, daß die Miessche Schöpfung
in kunstgewerblich effekthascherischem Sinn ver-
schlechtert ivorden ist. Und das ist sehr schade
für dieie Ausstellung, die so schöne Dinge zeigt
wie die Gläser für chemische und technische
Zwecke, die auch sehr nett aufgestellt sind, und
die versucht, in der Art der Fassung großer Glas-
flächen beim Bau technisch neue Wege zu zeigen
und auf die amerikanischen Konstruktionen hin-
zuweisen.

Etwas erstaunlich ist es, daß diese Ausstellung,
die von der Arbeitsgemeinschaft für Handwerks-
kullur eingerichtet ist, kaum Erzeugnisse aufzu-
weisen hat, die vom Handwerk — vor allem im
volkswirtschaftlichen Sinn — geschaffen sind.
Man kann höchstens Handarbeit in der Industrie
hier sehen. Für die Ausführung des Aufbaus
konnte offenbar nur die Industrie, nicht das
Handwerk herangezogen werden.

Die Ausstellung enthält auch die Schau moder-
ner Küchen, die der „Bing" veranstaltet. Leider
etwas dürftig und an die Wand gedrückt. Im
einzelnen krankt die Mehrzahl der modernen
Küchen an allzuviel Ecken, Bretlchen, Schränk-
chen. Die Küche soll auch übersichtlich und leicht
zu reinigen sein. W. L.

Anschriften der Mitarbeiter dieses Heftes:

Professor Bruno Paul, Direktor der Vereinigten Staalsschulcn für
freie und angewandte Kunst, Berlin SW Ii, Prini-Albrccht-Str. 8
Dr. Alexander Schwab, Berlin W 57, Potsdamer Str. 93

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