Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 8.1933

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Kaffeekanne, Kupfer, 17 cm hoch. Dänisch, um 1820.

Gebrauchsgegenstände aus drei Jahrhunderten

W. DEXEL, MAGDEBURG

Die abgebildeten Gegenstände entstammen ausnahmslos der Sammlung des Regierungsrats Paulus Rintelen in Magdeburg, der als einziger mir be-
kannter Sammler, vielleicht als einziger Sammler überhaupt, die Auswahl seiner Stücke unter die im folgenden geschilderten Gesichtspunkte gestellt hat.
Ich bin ihm für die Erlaubnis, von seiner Sammlung Gebrauch machen zu dürfen, und für manchen wertvollen Hinweis zu größtem Dank verpflichtet;
denn der Plan, diese Gedanken zu äußern, scheiterte seit Jahren an der Schwierigkeit, fast Unmöglichkeit, aus den verschiedenen Museen Belegstücke

für diese Anschauungen einzeln zusammen zu suchen.

Seit Urzeiten gibt es schöne und vollkommene Dinge. Alle
Kulturepochen seit Jahrtausenden und Jahrzehntausenden haben
vollendete Geräte hervorgebracht, die den strengen Gesetzen
des Zweckes, des richtig und sinnvoll verwendeten Materials
sich fügten. Zu ollen Zeiten aber haben auch der Geist der
Epoche, die Art der Einstellung zur Welt, der besondere Ge-
schmack, die geistige Haltung und die Sitte auf die Dinge
eingewirkt und das zu ihnen hinzugetan, was man als Stil-
merkmale bezeichnet.

Je stärker die Stilmerkmale überwiegen, desto zeitgebundener
ist das Ding, je stärker es dem Zweck, der Funktion verhaftet
ist, desto dauernder erweist es sich. Die Tradition kann nur das
zweckvoll Entstandene und wirklich brauchbare Gerät bewahren
und erhalten, solange die gleichen oder annähernd gleichen
Lebensbedingungen herrschen; denn so lange besteht kein
Grund, die Überlieferung zu durchbrechen und willkürliche
Veränderungen an den Dingen vorzunehmen. Die Vergangen-
heit lehrt uns, daß dies auch nicht geschehen ist. Wir wissen,
daß Völker Jahrhunderte, auch Jahrtausende lang die gleichen
Bau- und Gerätformen beibehalten haben, oder, was dasselbe
\ bedeutet, sie nur unmerklich entwickelt und ausgestaltet haben.

Bei anderen prägen sich Stilmerkmale und fremde Einflüsse
slärker aus auf Grund eines regeren Verkehrs mit der Umwelt.
Hier beobachten wir einen schnelleren Wandel der Formen,
denn alles von außen Herangetragene muß notwendig ver-
gänglicher sein.

Ebenso wurden zu allen Zeiten Formprobleme erkannt und
formuliert. Plato wußte so gut wie wir heute, daß „die Schön-
heit eines Dinges auf der vollkommenen Uebereinstimmung der
Mittel mit dem Zweck beruht". Dieser Gedanke war immer
in der Welt; nicht einmal in den ganz historisch orientierten
und nachahmenden Zeiten, wie die Renaissance und das
19. Jahrhundert es waren, konnte er zum Verschwinden ge-
bracht werden. Im Gegenteil, das 19. Jahrhundert hat die
kritische Ablehnung seiner öden Stilimitation so aktiviert, daß
wir ihm die stürmischsten und entscheidendsten Formulierungen
dieser Probleme verdanken. Ich möchte nur stichwortartig Rus-
kin, Morris, Van de Velde, Adolf Loos, im Anfang des 20. Jahr-
hunderts die Vorläufer und Gründer des Werkbundes, und
schließlich diesen selbst nennen. Die Forderungen, daß alle
Dinge zweckvoll, materialgerecht, in höchster Qualität und
mit Hinblick auf den Menschen zu schaffen seien, der sie

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