Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 8.1933

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die weiße Farbe als einen der wichtigsten Exponenten des tech-
nischen und hygienischen Zeitalters anzusprechen (und zwar
in geichem Ausmaße wie die schwarze Farbe, die gewisser-
maßen als farbiges Merkmal des technischen Erzeugnisses zu
gelten hat).

Es ist mehr als eigentümlich, daß in ganz bestimmten Zeiten
ganz bestimmten Farbtönen der Vorzug vor anderen gegeben
wird. Wenn man auch etwas oberflächlich diese Erscheinung
als eine Mode bezeichnet, so ist damit noch lange nicht wider-
legt, daß es csih gerade in diesem Falle um die spontan zutage-
tretende Manifestation einer aus den Schwingungen und Er-
scheinungen des Lebens gewordenen Teilerscheinung akuter
Lebensformen handelt. Wir bevorzugen im Gegensatz zu
unseren Vätern, die das „Heimeliche" als das Ideal des
Wohnens erachteten, klar übersichtliche, wenn möglich weit-
gesteckte, auf dem dynamischen Prinzip begründete Räume und
befolgen hinsichtlich des farblichen Charakters derselben, wenn
auch großteils unbewußt, die Axiome der sinnlich-sittlichen
Wirkung der Farbe, insbesondere aber jene, die sich mit der
auf ein bestimmtes farbiges Aussehen begründeten scheinbaren
räumlichen Wirkung der Farbe im Raum beschäftigen.

Noch einmal sei im Zusammenhange mit dieser Feststellung
Goethe zitiert, der über die sinnlich-sittliche Wirkung der
blauen Farbe folgendes aussagt: „Wie wir den Himmel, die
fernen Berge blau sehen, so scheint eine blaue Fläche vor
uns zurückzuweichen (Farbenlehre Abs. 780); bezogen auf ein
reinblau tapeziertes Zimmer muß man sagen, daß es gewisser-
maßen weit, aber eigentlich leer und kalt erscheint". Genau
die entgegengesetzen Eigenschaften konstatieren wir bei der
roten Farbe, die stets verengernd und warm (wenn auch nicht
sonnig wie die verschiedenen lichtgelben Töne) zu wirken

Abbildung 7
Helle Räume erscheinen weiter als dunkle

pflegt. Dabei hinterlassen alle lichtgelben und lichtroten Räume
einen freundlichen und behaglichen Eindruck, während die
intensiv roten und rotgelben Töne, soweit sie in großen Quanten
innerhalb des Raumes auftreten, als festlich aber unwohnlich
zugleich bezeichnet werden müssen. Man verwendet daher,
wie Lötz bereits bemerkte, intensive Farben tunlichst nur in
kleinen Quanten, wobei zu berücksichtigen ist, daß die Intensi-
tät dieser Farbtöne durch die Neutralität des Untergrundes
(besonders des weißen und schwarzen Untergrundes) Stärkstens
gesteigert wird. Aus der nebenstehenden grafischen Darstellung
ist, wenn auch nicht überdeutlich, zu ersehen, in welchem
Ausmaße die Ausdruckskraft einer intensiv farbigen Fläche
von dem Größenverhältnis zwischen dieser Fläche und dem
neutralen Untergrund abhängig ist (Abb. 8).

Abbildung 8



Diese eine Regel, die weder eines Beweises fähig noch be-
dürftig ist, gewährleistet ganz von selbst die Notwendigkeit, alle
raumbegrenzenden Teile, die für den Menschen sowohl wie
für den Hausrat einen klaren Hintergrund abzugeben haben,
so hell wie möglich zu halten. Die hellen und klaren Töne
besitzen den gleichen Vorzug wie die blaue Farbe, nämlich
die, daß sie den Raum weiter erscheinen lassen. Und diese
Übung ist angesichts der bereits angedeuteten wesentlich
verringerten Ausmaße der Räume eine nahezu dringliche An-
gelegenheit.

Mit diesen Feststellungen, die sich übrigens im vorliegenden
Falle nur in der Form von Schlagwortzeilen umreißen lassen,
ist die Lehre oder besser gesagt die Erkenntnis von den
Qualitäten des Werkstoffes „Farbe" noch lange nicht erschöpft.
Dabei ist der nunmehr aufgezeigte „Weg zur Farbe" ein
mehr als wichtiges Erkenntnisgut aller am Bau Beschäftigten
und darüber hinaus aller Menschen, denen Farbe, wann und
wo es auch sein möge, das wesentlichste Element der sichtbaren
Umwelt bedeutet. Während aber alle auf allgemeine Erkennt-
nis abzielenden didaktischen Verfahren im deduktiven Sinne
gehandhabt werden können, wird es notwendig sein, bei der
Unterweisung der Baukünstler und Maler von dem gegebenen
Einzelfalle und dessen besonderen sachlichen Gegebenheiten
auszugehen, um über die wichtigsten technischen und wirt-
schaftlichen Erkenntnisse hinweg zu dem nur in Axiomen aus-
sprechbaren ästhetischen Bildungsgut zu gelangen, dessen Be-
sitz durch künstlerisch-schöpferische Qualitäten bedingt ist. Nur
so kann der Ausspruch Ouds, daß keinem Baustoff heute noch
eine so große Gleichgültigkeit entgegengebracht werde wie
ausgerechnet der Farbe, in ein glückliches Gegenteil ver-
wandelt werden.

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