Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 8.1933

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Nationalsozialistische Kunstpolitik im neuen Preußen

W. WENDLAND, BERLIN

Es gibt wohl kaum ein Gebiet unseres heutigen Lebens, das
allgemein so umstritten ist, wie das der Kunst. Theorie läuft
wider Theorie, Richtung wider Richtung, Dogma gegen Dogma.
All diese scharfen Kämpfe um Dogmen und Richtungen machen
aber wahrlich das Wesen der Kunst nicht aus. Denn noch nie-
mals haben Dogmen das Leben voll umfaßt. Und Kunst ist
Kunde des Lebens, „Kündung im Können". So wird Kunst
niemals erfaßt durch Dogmen, mögen sie noch so geist-
reich sein.

Es gilt daher, diesen Anspruch der Kunst auf das Leben, und
die Aufgabe der Kunst in dem Leben des Volkes neu zu be-
gründen, ihr den Platz im schöpferischen Leben des Volkes
zuzuweisen, den sie einst hatte, ihr aber auch die Freiheit der
Entwicklung zu geben, deren sie bedarf. Denn nichts Leben-
diges kann wachsen unter dauernder Gängelung und Ein-
engung, wenn es seinem Zweck genügen soll. Auch die Kunst
wird nicht wachsen, wenn sie für ihre Bestimmung, ihren Dienst
am Volke nicht freigemacht wird von der Einengung durch die
literarische Bevormundung der Dogmatiker.

Die Kunstpolitik des Preußen von 1918 bis 1933 ist gekenn-
zeichnet durch jene unglückliche Herrschaft blutleerer Literaten
und Dogmatiker im Geiste Glasers, Osborns, Deris u. a. m.,
die als Knechte eines internationalen Kunsthandels nur die
Aufgabe von Reklamechefs hatten, die den Anreißer bilden
mußten für das Geschäft. Die Ära Simon und Seelig im preußi-
schen Kultusministerium, der die von Hübner folgte, eine so
unglücklich wie die andere, sind noch in deutlicher Erinnerung,
hatten sie doch Ankläger genug gefunden. Unter dieser Ära,
unter der Kaesbach Direktor der Akademie in Düsseldorf wurde
und wie Moll in Breslau den Formalismus und Snobismus auf
den Schild erhoben, ist nicht nur eine gesunde Fortentwicklung
künstlerischen Lebens unterbrochen, sondern der Nachwuchs
stark zersetzt worden.

Dieser Ära wurde mit einem Schlage eine Ende bereitet,
als der Führer dem damaligen Gauleiter der NSDAP, Bernhard
Rust in Hannover, das Reichskommissariat für das Preußische
Kultusministerium übertrug.

Was der Vorgänger seinerzeit in langen Wochen nicht fertig
gebracht hatte, wurde nun zur Tat.

Es wurde unter die Ära der Zersetzung der Schlußstrich
gezogen. Nachdem die entsprechenden Maßnahmen auf dem
Gebiet der Unterrichtsverwaltung getroffen waren, begann
nach systematischer Vorbereitung der Minister die Säuberung
der Kunstverwaltung. An den Staatlichen Kunstschulen begann
die Reinigung. In Berlin wurde eine Reihe berüchtigter Lehrer
an den Vereinigten Staatsschulen für freie und angewandte
Kunst beurlaubt, u. a. der bekannte Kunstbolschewist Karl
Hofer, dann Weiß, Oskar Schlemmer, an der Staatlichen Kunst-
schule der Professor Lahs.

In Düsseldorf machte die Ära Kaesbach ein weit größeres
Aufräumen notwendig. Fast 50% der Lehrerschaft wurden ent-
lassen, u. a. Aufseesser, Moll, Klee und Dr. Albrecht. In Breslau
war gleichfalls eine radikale Kur notwendig. Dort wurden
beurlaubt Rading und Scharoun, bekannt als Architekten der
neuen Sachlichkeit, Molzahn als Maler des Mechanismus. Uber
die weiteren Kräfte in Breslau stehen die Entscheidungen noch
aus, wie gleichfalls an den Berliner Schulen noch einige Ver-
änderungen vorgenommen werden. Diese paar Beispiele —
nur ein Ausschnitt aus den Maßnahmen — auf dem Gebiete
der Kunstschulen beweisen, wie stark der Kampf gegen den
Kunstbolschewismus von Seiten des Preußischen Kultusministe-
riums durchgeführt worden ist und wie viele der Vertreter
des bisherigen Systems haben ins Gras beißen müssen.

Auf dem Gebiet der Museumsverwaltung hat als Vertreter
des bisherigen Systems unter anderem auch Herr Geheimrat
Justi und der Direktor des Zeughauses Professor Binder ent-
lassen werden müssen. Auch hier ist unter dem kom. Direktor
Kümmel und durch Prof. Koetschau eine neue Arbeit begonnen
worden.

Es gibt auf dem Gebiete der Kunst keinen größeren Fehler
als den, daß man Vorschriften über Vorschriften häuft und
dem Wachstum der Kunst Fesseln anzulegen versucht. Die
Rede des Führers auf dem Parteitag hat demgegenüber nur
zu klar den Weg der neuen Kunstpolitik im Staat gezeigt.
Diese Kunstpolitik kann nur in dem Sinne betrieben werden,
als sie eine Kunst fordert, die dazu berufen ist, den Kampf
des Volkes um seine Existenz vorzutreiben durch die eigenen
Leistungen. Diese eigenen Leistungen aber sind das, was der
Staat pflegen kann. Nicht Richtungen sind heute das Maß-
gebende, sondern daß wir wieder eine Künstlerschaft be-
kommen, die bereit ist zu intensivster Arbeit an sich selbst in
handwerklicher Hinsicht, wie zum Bekenntnis zur heroischen
Lebensauffassung, die der neue Staat vertritt. In dieser neuen
geistigen Staatsauffassung liegt auch für die Kunst der neue
Anreiz und das neue Thema, die heroische Landschaft, der
heroische Mensch, entwickelt aus dem Gefühl der nordischen
Rasse. So gilt es, die jungen Anfänge, die sich gerettet haben
aus dem Kunstchaos der letzten Jahre, wie eine junge Pflanze
zu fördern: so wie der Gärtner im Garten das Unkraut be-
seitigt und die guten Pflanzen beschneidet, ihnen Halt gibt
und Nahrung verschafft, so muß auch eine Kunstpolitik des
neuen Staates eine junge deutsche Kunst fördern, die im
Anbruch begriffen ist. Daneben gilt es als selbstverständlich
für eine gesunde Staatspolitik, auch diejenigen Männer zu
fördern, die jahrzehntelang als Künstler unter der Fuchtel des
bisherigen Systems gelitten haben, und ihnen die Möglichkeit
zur Auswirkung zu geben. Auch dieses liegt im Sinne der
neuen preußischen Kunstpolitik, wie die Ernennung von ver-
schiedenen Professoren bereits gezeigt hat. Auch die An-
kaufspolitik, die das Preußische Kultusministerium bisher be-
trieben hat, ist eine grundsätzlich andere geworden. Es werden
nicht mehr Werke gekauft um ihres spritzigen Inhalts oder
ihrer besonders aktuellen Darstellungsweise wegen, sondern
auch hier wird der Wert grundsätzlich auf die saubere hand-
werkliche Gestaltung, sowie auf eine gesunde geistige Haltung
gelegt. Damit ist aber schon eine Richtung geschaffen, die
dem Künstler einen klaren Inhalt gibt. Heute kann der Künstler
wieder durch seine Leistungen beweisen, was er kann, und
diese seine Leistungen werden vom Staat aus anerkannt
werden. Diese Gewißheit kann heute jeder Künstler mit sich
nehmen und diese Gewißheit soll das ganze Volk in sich
aufnehmen.

Das Wichtigste jedoch für die Entwicklung künstlerischen
Lebens unter der Pflege des Preußischen Kultusministeriums ist
aber die Neuordnung des gesamten Kunstschulwesens und
Erziehungswesens. Hier hat uns der bisherige Staat, folge-
richtig entwickelt aus seiner maßlosen Überschätzung des
Schulmäßigen, eine Fülle von Schulen überlassen, auf denen
der junge Mensch zum Künstler geschult werden sollte. Als ob
sich die Kunst, die etwas Lebendiges ist, durch Schulung
schaffen ließe. Die schöpferischen Kräfte eines Menschen
können nur in einem gewissen Maße geschult werden, auch
der Geist eines Menschen. Wichtig ist für den Künstler aber,
viel wichtiger als alle Schulung, sein handwerkliches Können.
Und dieses handwerkliche Können ist ein Gebiet, das in der
vergangenen Zeit nicht nur unerhört vernachlässigt worden

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