NS-Frauen-Warte: die einzige parteiamtliche Frauenzeitschrift — 10.1941-1942

Page: 119
DOI issue: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/frauenwarte1941/0165
License: Creative Commons - Attribution - ShareAlike Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
Was Lch für Zrauen sah

pii. <k; war die erste sowjetische Zrau, die wir sahen. Sie trug nichts als ein
schmuhiges, grobes Leinenhemd, und man hatt« sie au; einem haus in Brest-
Litowsk geholt, aus dem sre auf deutsche Soldaten geschossen hatte. Nun sah
sie etwas abseits von den anderen Lefangenen und startte vor sich hin.
Ihr Gesicht war hätzlich und gemein. Laster und Lieblosigkeit, verbrechen
und kjah sprachen üaraus. Sie versuchte gleichgülttg zu sein, obwohl sie wuhte,
was sie erwartete.

wir sahen sowjetische Zrauen in dem riesigen Lefangenenlager von Slonim.
vie Zrauen, die mit der Sowjetarmee in den ttrieg zogen, trugen dieselben un-
schönen, schlecht sitzenden und rasch zusammengeschneiderten Blusen wie die
Soldaten. ttls Apothekettnnen, Sanitäterinnen und ttraftfahrerinnen waren sie
eingesetzt gewesen und hatten dieselben Kangabzeichen wie üie Männer. Nun
waren sie gefangen worden. Sie trugen weder Schuhe noch Sttümpfe an
den kurzen, plumpen öeinen, die von Ungeziefer zerstochen waren. wirr
und ungepflegt hingen ihre haare in die stumpfen, ausdruckslosen Ge-
sichter. Zhre breiten Zingernägel hatten schwarze Schmutzränder, und ihre
hände waren voll Llut.

wir sahen ihre Leichen auf dem Schlachtfeld von Lialgstok. llot sahen
die ttraftfahrerinnen noch am Steuer ihrer panzerwagen, di« in unschätz-
barer Zahl neben -en gefallenen Urmisten auf den wegen, im Strahen-
graben und im ttornfeld lagen. vie Leiber der weiblichen Soldaten waren
von Lranaten zerfetzt, vom Zeuer angefressen. Und kein klnblick in diesem
an grausigen Sildern so reichen ttrieg hat uns mehr erschüttett wie diese
Zrauen in Uniform, Zrauen auf üem Schlachtfeld, Zrauen mitten im Grauen
des Utteges.

Die!5rau in lvaffen — ein programm

wir stanüen vor dem riesigen Lenindenkmal in Minsk. vie Zigur war gestürzt,
und die geballte Zaust hatte als letztes Zerstörungswerk ein tiefes Loch in üen
Usphalt geschlagen. Uber das Nelief stand noch. Uuf diesem Nelief sahen wir neben
dem Urbeiter und neben dem Sauern die Zrau, die in der Uniform der Sowjet-
armee ein Gewehr ttägt. wiealleAuherungen bolschewistischer „Uunst" ist dieses
venkmal ein in Sronze gegossenes Patteiprogramm. Und wir sahen daraus,
dah die uniformietten und bewaffneten Zrauen, denen wir begegnet waren,
keine au; der Notwendigkeit des ttrieges heraus entstandene Linzelfalle, sondern
verwirklichung eines Parteiprogrammes waren. wir sahen das auch aus den
billigen, auf schlechtem Papier geüruckten Zeitschriften, die Silder enthielten,
wie sowjetisch« Zrauen und Mäüchen am Gewehr und Maschinengewehr aus-
gebildet werden. va stehen die Siegerinnen in einem Schiehwettbewerb in langer
«eihe, blicken starr auf üie ungewohnte ttamera, halten die Ellbogen kampfhast
im rechten winkel und haben das Gewehr geschultett. va liegen Mongolinnen
mit stumpfen llasen, schmalen Uugen und langen schwarzen Zöpfen vor dem
schweren Maschinengewehr und werden oon emer Züdin im Gebrauch dieser
waffe belebrt. va stapft eine füllige Zrau im geblumten Sommerkleid mit um-
gehängten pattonentaschen über eine wiese und hält das Sajonett wie zum
Sngriff vor sich. Sie oersucht, die Unsicherheit, mit der sie das Lewehr hält,
durch eine um so grimmigere Lntschlossenheit im Lesichtsausdruck auszuglei-
chen. wie die Sildunterschttft besagt, ist e; die Lenossin lttna Iwanowa, die

sich schon «inige Übung im Umgang mit dem Sajonett erworben hat und bereit
ist, üie kjeimat zu schützen. wir könnten über diese Silder lachen, wenn wir nicht
die furchtbaren Uuswirkungen dieser Ugitation gesehen hätten.

Die Lauerin

Zrau in waffen, das ist ein Tgp der Sowjeffrau, der besonder; in den Städten
herangezüchtet wurde. ven anderen Tgp lernten wir in den vöffern kennen.
vie Säuerinnen banden frische, weihe liopftücher um, wenn wir mit unserer
vorausabteilung in «in vorf kamen. Seit Zahren war da; ihr erster Zesttag,
denn die Solschewisten hatten den Sonntag abgeschafft, und kein Sauer hatte
mehr die Mittel, ein Zamilienfest zu feiern. vie Lesichter der Zrauen waren ein-
gefallen und ooll Zalten. hunger und Urbeit, Srbeit unü hunger war das Leit-
motio ihre; Lebens gewesen und lieh sie stüh altern. ver Solschewismus gab
ihnen die Gleichbereckitigung. Oas hieh, dah er oon den Zrauen, deren fförper
von Zeldarbeit und oielen Gebutten ausgezehtt war, dieselbe Nrbeit oerlangte
wie vom Mann, dah sie im ffolchos dieselbe „llorm" täglich abzufronen hatten.
Oie SSuettn empfand doppelt alles Leid, alles Glend, das der öolschewismu;
über das voff, über die Zamilie gebracht hatte, denn sie konnte ihren zahllosen
ffindern nicht genug zu essen geben, und Gatz und Nacht mattette sie die öitte:
„Mutter, ich habe so hunger." Nlle verzwefflung sammelte si« im Gebet, das
zum Notschrei, das zur Nnklage wurüe. vie Nommissare wuhten es wohl und
liehen üie ffirchen schliehen, den letzten Zufluchtsott der ins Glend gestohenen
Sowjetbauern. vie Zrau in Waffen und die früh gealtette, abgearbeitete und
abgehärmte öäuerin sind eine einzige grohe Nnklage gepen ein politisches
Sgstem, das oersucht hat, die Natur zu vergewaltigen, sie in ein Schema ein-
zuzwängen. vie Natur hat sich dafür gerächt. Oenn sie nahm den Menschen das
öeste, was sie ihnen mitzugeben hatte: Seist und Schönheit. ver Solschewismu;
rottete die Zntelligenz aus, und wenn wir in die Gesichter der Gefangenen
schauen, dann erschrecken wir über diese stumpfe, ausdruckslose herde, die nur
für das Znteresse zeigt, nach dem ihre Gier zielt. wir wundern uns nicht, dah
diese Masse, die nur das wollte, was man ihnen zu wollen befahl und in der so
jeder eigene Gedanke erstarb, hinter den modernen waffen oersagte. Nber auch
die Lesichter der Zrauen sind vom Niedergang der lehten Zahrzehnte gezeichnet.
ven einen hat der hah, den anderen -as Glend alle frauliche Güte, alle Schön-
heit, allen Lharme genommen. vas liegt nicht allein daran, dah ihnen sowohl
die Mittel, wie die Möglichkeit, sich zu pflegen und gut ;u kleiden fehlen. vie
Zrau in der Sowjetunion ist zum wettzeug degradiert worden. Va; Zrauenideal,
das uns von den llitelbildern der Sowjetillustttetten entgegenschreit, ist für un;
ebenso lächerlich wie abstohenü. Zn grobem Mantel und derber Uniformbluse,
geziert mit üen Nangabzeichen eines Unteroffiziers, feixt un; ein rundes, bru-
tales Gesicht entgegen, in dem buschige Nugenbrauen, ein feistes voppelkinn
und eine fleischige Nase sihen. Über der linken Schulter, groh im vordergrund des
öildes, ttägt diese Sowjetarmistin das Gewehr.

Nuch die sowjetische Zrau wurde entpersönlicht. vie Zamilie wurde zersetzt
und aufgelöst und so der Zrau die natürliche klufgabe genommen. Zn üem vorf,
an dessen Nand wir heute unser Zelt aufgeschlagen haben, gibt e; viele ffinder.
Sie kennen wohl ihre Mutter, aber sie wissen nicht, wer ihr vater ist. Und ihr«
Mütter können e; ihnen auch nicht mit Sicherheit sagen...

ffriegsberichter vr. hans öager.

Zwei Zilme wurden in den letzten wochen aufgeführt, die den Setrachter
stark beschäftigen und ihm als heutigen Menschen auch besonders naheaeben,
weil sie in ihrer Themenwahl den öegriffen unsere; Lebens nahestehen. <ts sind
dies der Ufa-Zilm „Nnnelie", die Geschichte eines Lebens, und üer Tobis-Zilm
„Zch klage an!" Zu ihnen gesellte sich als drittes, den vurchschnitt weit über-
ragendes werk der öaoaria-Zilm „Nomödianten". —

„wahrscheinlich denfft vu, unser Leben sei doch gar nichts öesonderes ge-
wesen . . . Ls war ganz selbstverständlich, dah wir miteinander glücklich waren —
unü ffinder hatten — und zusammen arbeiteten. Nber worin liegt denn die grohe
Liebe und üas grohe Glück, wenn nicht im Selbslverständlichen?. .." Oiese
worte aus dem ttbschiedsbrief ües im Zeldlazarett sterbenden vr. Laborius an
seine Zrau Nnnelie kennzeichnen im tiefsten Sinne das wesen des Zilms „Nime-
lie". Gan; selbstverstänülich rollen hier die üurchau; nicht ungewöhnlichen, ja,
alltäglichen Stationen eines Zrauenlehens oon der Geburt bis zum loüe und
damit über die Generationen von 1871, bis 1441 ab. Zn einer Zeitspann«, in der
eine aanze Nation umwälzende wanülungen üurchmacht, effüllt sich das Leben
und Schicksal einer deutschen Zrau. Zn einer ruhig-satten Zriedenszeit erlebt sie
sorglose Schul-, Sackfisch- und Zungmädchenjahre, die abgelöst werden oon
glücklichen ckhe- und Zamilienjahren. Sie durchkostet Glück und Not de; Mutter-
seins, macht Zahre de; Leids und üer Sorge durch und sieht in selbstlosem ver-
zicht unü stiller Dpferbereitschaft ihren Mann und ihre drei Söhne in den Welt-
krieg ziehen, der ihr den Lebenskameraden von der Seite reiht. Grohmutter ge-
worden und schon 70jährig erlebt sie zum zweiten Male, dah veutschland um
seine Zreiheit kämpfen muh und ihre Söhne wiederum in den ffrieg gehen. So
still, wie sie durchs Leben ging, nimmt sie auch Nbschied vom Leben. Mit dieser
Zrauengestalt ist dem wottlosen, entsagungsoollen helüentum der Millionen un-
bekannter Mütter ein venkmal gesetzt, wie e; in seiner Schlichtheit kaum er-

greifender gesialtet werden konnte. Thea von harbou, die nach dem gleichnami-
gen öühnenwerk von walter Lieck das bestens üurchgefeilte vrehbuch veffahte,
und der Spielleiter Zosef von öakg ist das nicht leichte Unternehmen gelungen,
im Nahmen eine; Zilms eine Zeitspanne oon 70 Zahren filmisch so zu gestalten,
dah immer ein geschlossener Ginüruck besteht und nichts wesentliches fehlt.
Luise Ullttch gibt mit der Nnnelie ihre wohl bisher reifste darstellensche Leistung.
voll bewundernswerter wandlungsfähigkeit und Natürlichkeit, rührend, ohne
jemals sentimental zu werden, zeichnet sie diese Mädchen- und Zrauengestalt
durch alle Lebensalter. Zhr zur Seite steht ffarl Ludwia viehl als liebender,
sorgender Lhemann und als Soldat, der still sein Dpfer bringt. Man hat wohl
noch nie so empfunden wie bier, welcher menschlich packenden und eindring-
lichen Varstellerleistung viehl fähig ist. Lin wahre; Nabinettstück darstellerischen
Nönnens liefett werner ffraus als Natasteramtsrat und vater Nnnelies. Nuch
jede weitere Nolle ist hervorragend besetzt. So ffäthe haack als Mutter, Nrel
von Nmbesser als getreuer verehrer der Nnnelie, Nlbert hehn, Zohn pauls-
harling und Zohannes Schütz als Söhn«: <k. v. winterstein als hausarzt, Zosefine
vora als hebamme und Zlse Zürstenberg als hausmädchen. Nuch di« anderen
künstlerischen und technischen Leistungen — Musik: haentzschel, öild: werner
ffrien, öau: hasler — halten sich auf hoher Stufe und runden den beglückenden
Gesamteindruck des Zilms ab. vem werk wurden die prädikate „Staatspolitisch
wettvoll", „ffünstlerisch wertvoll", „volkstümlich wertvoll" und „volksbildend"
zuerkannt. —

ver Tobis-Zilm „Zch klag« an!" befaht sich in autzerordentlich ernster, psgcho-
logisch grohattig durchüachter und künstlettsch überaus hochstehenüer Zorm mit
der Zrage, ob ein Nrzt einem unheilbaren Nranken auf dessen wunsch letzte hilfe
gewähren daff. viese Zrage ist von so ungeheurer Tragweite, datz man sie nicht
im Nahmen einer Nunstbettachtung eröttern, sondern hier vorerst nur auf die
rein künstlerischen Dualitäten de; werke; eingehen kann. Nach Moffven des
Komans oon hellmuth Unger „Sendung und Gewissen" und nach einer Zdee
von harald öratt schrieben Gberhard Zrowein und wolfgang Liebeneiner da»
vrehbuch. vi« lebensstohe, junge Zrau eine; Nrztes und Zorschers wird von
einer unheilbaren ffrankheit defallen, an der sie, wie der beste Zreund der Za-

Zortsetzung auf Seite 126

119
loading ...