Münsterbau-Verein <Freiburg, Breisgau> [Editor]
Freiburger Münsterblätter: Halbjahrsschrift für die Geschichte und Kunst des Freiburger Münsters — 13.1917

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Albe

rt Felizian Geissinger und seine Inschriftensammlung vom Freiburger Münster

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Was hätte aus Geissingers immerhin beachtens-
werten Anlagen zum Zeichnen und Aufzeichnen
werden können, wenn sie eine nur einigermaßen
fachmännisch überwachte oder gar schulmäßige Aus-
bildung gefunden hätten, statt dass er, ganz sich
selbst überlassen, einsam und abseits seinen Weg
gehen mußte! Die Schuld daran lag allerdings wohl
ebensosehr in seinem zu Eigenbrötelei und Selbst-
genügen neigenden Wesen als an den damaligen
rückständigen Bildungsverhältnissen seiner Vaterstadt.
Wie es z. B. um die Theologie und das theologische
Leben in jenen Jahren zu Freiburg bestellt war, zeigen
am treffendsten das Beispiel Heinrich Sautiers, des
menschenfreundlichen Stifters und Schriftstellers, und
seine Kämpfe mit verschiedenen seiner für die Auf-
klärung eintretenden Amtsbrüder. Das literarische
Leben Freiburgs aber im letzten Drittel des 18. Jahr-
hunderts spiegelt sich am unverfälschtesten wieder in
der an ebenso boshafter wie bodenloser Kritiklosig-
keit, Geschmacklosigkeit und überschwänglicher Ver-
worrenheit leidenden „Wochen- oder Monatschrift für
das Land Breißgau" Johann Zähringers, den „Denk-
würdigkeiten Breißgaus", welche die Altertümer, die
historischen Personen wie die frühere Haushaltung
und Sitte im Breisgau darstellen, dasjenige also, „was
Schöpflin, Herrgott, Gerbert und andere in dicken
lateinischen Büchern veröffentlicht hatten, in deut-
scher Umarbeitung zum Gemeingut der Breisgauer
machen" wollte, mit Kräften und Mitteln, die durch-
aus unzulänglich und unzulässig waren, und nach Jahr
und Tag mit einem schmählichen Mißerfolg endeten.
In dieser Atmosphäre, über der die zeitgenössischen
Schriftsteller und Künstler von Ruf wie lichte Geister
in unnahbarer Höhe schwebten, war kein Gedeihen,
kein Vorbild zur lebendigen Fühlungnahme für kleine
Talente wie Geissinger; auf sich allein gewiesen,
musste er in der Niederung haften bleiben. Umso

lobenswerter ist sein durch mehr als 20 Jahre fort-
gesetztes Bemühen, zur Pflege der heimatlichen Ge-
schichte und Altertümer sein Scherflein beizutragen;
umso dankenswerter seine Aufzeichnungen, worin er
den Enkeln wenigstens einen schwachen Abglanz
von Freiburgs vergangener Herrlichkeit zu über-
liefern nicht ganz vergeblich versucht hat.

Bei allen seinen „Studien" -- wenn man diese
seine Art, sich zu beschäftigen, so bezeichnen darf
—, fand er vielfache Förderung, Anregung und Unter-
stützung vonseiten der Ortsherrschaft, den Bayer
von Buchholz, bei denen die Führung von Aufzeich-
nungen und Familienchroniken mit Wappen-, Epi-
taphien- und sonstigem Bilderschmuck zum Erbstück
und guten alten Herkommen gehörte1.

Felizian Geissinger starb zu Buchholz am 22. Fe-
bruar 1806. Die seine Verlassenschaft bildenden
„Immobilien" wurden am 18. März daselbst ver-
steigert. „Sie bestehen in etwas Tisch-Silber", besagte
die Versteigerungs-Ankündigung-, „in einem geringen
Vorrat von Wein und Früchten, in vielen verschie-
denen Büchern, in einigen Kleidungsstücken und in
einer geringen Hauseinrichtung", — wie eben die
Habe eines armen Landpfarrers beschaffen zu sein
pflegt. Die „Abschrifften von Epitaphien" kamen bei
dieser Gelegenheit, ebenso wohl die „Zähringer
Chronik", in die Hände des kaiserlich-königlich
wirklichen Geheimerats und Kämmerers Anton Frei-
herrn von Baden, der sie unterm 22. Mai 1820 „der
Albertinischen hohen Schul als Patron und Pfarrer des
Freyburger Münsters" zum Geschenk machte.

1 Vgl. Mitteilungen der Badischen Historischen Kommission
27 (1905) S. 138 Nr. 156 (als „Die Familienchronik eines Frei-
burger Bürgermeisters" im „Adreßbuch der Hauptstadt Frei-
burg i. Br." 1910 und 1911 herausgegeben von Dr. Hermann
Flamm) und 33 (1911) S. 140 Nr. 395, 399, 401, 402, 406 und 409.

- Im „Allgemeinen Intelligenz- oder Wochen-Blatt für das
Land Breisgau und die Ortenau" (vom 8. März) 1806 Nr. 20
S. 159.
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