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Verein zur Förderung des Fremdenverkehrs für Heidelberg und Umgebung [Hrsg.]
Heidelberger Fremdenblatt: Stadt-Anzeiger ; amtliche Fremdenliste — 1909

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https://doi.org/10.11588/diglit.30255#0355
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Kr. 77.

MrmtKg, L. Nuguk

Die Spitzendecke.

Humoristischs Skizze vaii E. Fahrvw.

(Nachdruck verboten.)

Hans Vorburgs Freund, Dr. Fer'dinand Freilich, war
seit einigen Tagen in der läikdlichen Villa Vorburg zum
Besuch und es schien dem jungen Ehestaare, als ob sich
— ganz wie es Hans im Grunde gehofft hatte — der
Doktor in seine kleine, blonde Schwägerin Elfe verliebt
hatte.

Elfe aber verhielt sich wie gewöhnlich ablehnend auch
gegen die Kurmacher. — Sie fand, er habe eine zu kleine
Nase, während sie Leute mit einer grotzen, kräftigen
Willensnase vorziehe. — Auch sei der Doktor, obzwar sehr
gelehrt und wohlhabend ein schwachmütiger Egoist.

Niemand begriff, wo'her sie dies wutzte, aber sie be-
hauptete es ganz positiv. — Endlich aber fand sie, er sei
ein kleinlich genauer Mensch — ste nannte ihn einen
„Geizmichel", idenn er habe ihnen zur Hochzeit im vori-
gen Jahr eine scheußliche Alfenide-Schale geschenkt. —
„Nicht mal was Echtes!" —

Eines Tages satz E-lse mit 'dem Doktor im Gartensaal,
wo auf zahllosen Tischchen zahllo'se Deckchen lagen. Die
hübscheste davon lag auf 'dem Rauchtisch, an 'dem sie beide
satzen. Es war eine grobfädige Spitzendecke, deren Muster
alt und edel war. — Else wies auf die Decke und sprach:

„Nehmen Sie sich in acht, Herr Doktor, daß Sie keine
voiü den Deckchen meiner Schwester beschädigen! Jn der
Hinsicht sind wir Damen komisch — Decken sind unsere
Heiligtümer."

„Ach!" machte Freilich ironisch, „ist das wirklich so
wichtig? Wenn nun ein Kaffse- oder Weinfleck 'darauf
käme, was würde dann Jhre Schwester tun?"

Else zog die Stirn in düstere Falten:

„Fragen Sie lieber nicht! Neulich hat mein Schwa-
ger ein Loch in die rotseidene Decke da drüben gebrannt —
seine Zigarre war von der Schale heruntergefallen —
meine Schwester hat acht Tage lang kein Wort mit ihm
gesprochen!"

„Aber warum?" rief der Doktor bestürzt. „Jch dachte,
über eine solche Kleinigkeit . . ."

„Das ist keine Kleinigkeit!" ver'setzte Else sehr gewich-
tig. „Uebrigens finde ich, daß meine Schwester ganz recht
hatte — ich würde meinen Mann noch ganz anders be-
strafen, wenn er meine kostbaren Sachen ruinierte!"

„Na, na, so kostbar sind doch solche Deckchen nicht."

„So, meinen Sie? Nun, für was halten Sie zum Bei-
spiel diese Decke hier?"

Freilich betrachtete das grobe Muster und schüttelte
den Kopf.

„Es ist echte Klöppelavbeit", sprach Else, indem sie
ihren Kopf tief auf das Muster neigte. „Und nur in
einem echten Spitzenladen kann man so etwas kaufen. Jch
kenne nur ein einziges Geschäft itt unserer Residenz, wo
man dergleichen bÄommt."

Der Doktor dachte noch an den andern Satz, den Else
soeben ausgesprochen hatte, und fragte:

„Sie meinten, Sie wüvden Jhren Gatten bestrafen —
wie würden Sie denn das anfangen?"

Else wiegte das blonde Haupt ein wenig.

„Das käme darauf an", sagte sie. „Man muß sich
seinen Mann bei Zeiten ziehen", habe ich immer gehört.
„Wenn er ein Fein'schmecker ist, so würde ich ihm einige
Tage lang fades un'd schlechtes Essen ge'ben: wenn er gern
lustige Gesichter zieht, würde ich mit ihm „maulen" —
ein schrechliches Wort, nicht währ? Und wenn er grob
wäve, würde ich noch gröber sein —"

„Nette Aussichten!" dachte Freilich ganz verstört, „die-
ses junge Mädchen scheint ja ein recht liebloses Gemüt zu
besitzen. — Wenn ich bloß nicht durch Hans oder durch —
durch die Umstände in eine Verlobung mit dem reizenden
Racker hineingejagt werde! Junge Eheleute sollen ja eine
reine Passion für's Heiraten haben."

Dieser Gedanke verriet wibder die fixe Jdee, an der
der Doktor litt. — Er bildete sich ernstlich ein, daß die
ganze Welt Fallen für ihn bereit hielt, um ihn zu ver-
heiraten; und da er leicht verliebt wa-r, und Else es ihm in
der Tat sofort angetan hatte, war diesmal seine Angst
nicht fo ganz unbegründet.

„Tu, Lilli", sagte am Abend dieses Tages Els-e zu ihrer

Schwester, „ich habe doch recht gehabt! Der Doktor ist
ein Geizkragen, und er hält sein Geld mit beiden Händ-en
fest. — Vorhin zeichnete Dein Mann ein kleine Summe
für die Ferienkolonien, und ich hörte, wie der Doktor
sagte — er habe keine Kinder, und er zeichne nichts!"

„Pfui!" rief Lilli. „Und was sagte Hans dazu?"

Er lachte und meinte, sein Freund Fevdinand solle nur
heiraten, das kultiviere und bessere den Menfchen. —
Hans ist e-ben ein Optimist! Uckrigens mache ich dem
Doktor s-ehr Angst vor 'den Frauen, daß er hoffentlich einen
Abscheu vor mir bekommt."

So standen die Dinge, als am nächsten Tage der Herr
Dr. Freilich ganz allein im Gartensaal saß und auf Hans
wartete, der die Damen zur Bahn begleitet hatte. Sie
wollte in der Stadt Besorgungen machen und am Abend
wieder zurück sein.

Da begegnete es dem Doktor, d-aß er sein Notizbuch
herauszog und berechnete, wie-viel Trinkgeld er wohl an-
stan'dshalber geben müsse, wenn er in einigen Tagen hier
abreife. — Und -so vertieft war er in seine Zahlen, daß -er
die Zigarre vergaß, die aüf dem Tischrande ruhte. — Ein
pentranter Geruch ließ ihn aufblicken. — Ein fchreckliches
Unglück war geschehen — die Zigarre hatte ein Loch in
die echte Spitzendecke gebrannt.

O Gott!

Und Elfe hatte ihm doch erzählt, daß Frau Vyrburg
acht g.age mit ihrem Mannc wegen eines gleichen Ver-
gehens geschmollt hatte. — Sie hatte sogar hinzugesetzt,
dies sei voll berechtigt gewesen!

Was tun, wie einem doppelten Dämenzorn entgehen?
Ganz mechanisch, erfüllt von unbeschreiblichcr Angst,
nahm Dr. Freilich die Decke vom Tisch, eilte damit auf
sein Zimmer und verbarg sie vor allem in seinem
Koffer.

Er mußtc natürlich Ersatz schaffen — die kleine Else
hatte ihm ja gesagt, daß er in der Stadt in einem ein-
zigen Laden echte Spitzen bckommen würde.

Echte Spitzen — ein Grauen beschlich den Uebeltäter
bei diesem Gedanken. — Was würde das kosten! Aber
es half ja nichts, die Hauptsache war zunächst, daß nie-
inand das geschehene Unglück merkte. — Jrgcnd eine
Ausrede mußte er erdcnken — er schwindclte so ungern

— aber wenn einen doch die Frauen dazu zwangen!

Ein leichter Angstschweiß brach ihm bei di-ösen Er-

wägungen aus. — Nein, er wiirde wohl nicht heiraten!
Es war ja furchtbar, welche Beklemmung es einem schon
verursachte, bloß an den Zorn zu denken, den eine solche
Bagatelle vermutlich hervorrufen wiirde. — Und die
kleine Else iiberhaupt — die hatte im Laufe dieser Tage
so mancherlei Andeutungen fallen lassen, die verrieten,
daß sie wirklich eine „Amazonennatur" war.

Goldene Junggesellcnfreiheit — die Blondeste, Nied-
lichste war doch ein kleiner Satan, der dich nicht aufwog!

— Ah — würe er nur erst fort von hier!

Die Decke brannte auf seinem Gewissen, auf seiner
Seele und fchließlich auf seinen Wangen, als er au
dieseni Abend Frau Vorburg vorstotterte, er habc sich
crlaubt, die Spitzendecke für einige Tage zu entlehnen

— heine Tante Sophie interessierte sich so sehr für der-
gleichen alte Muster. Und er werde in einigen Tagen
der gnädigen Frau ihr Eigentum zurückerstatten.

Verwundert hörte ihn Lilli an, nickte freundlich,
dachte öabei an ganz etwas anderes und hörte nur noch
nebenher, daß der Herr Doktor morgen in die Stadt
fahren müsse.

Ja, Ferdinand Frejlich fuhr in die Stadt. — Das
hatte nun allerdings nicht in seinen Bercchnungen ge-
legeii, es vcrteuerte diesen ländlichen Besuch noch um
etwas. Aber ohnehin war ja diese niederträchtige Decke
außerhalb der Berechnungen gewesen — der Doktor
stöhntc heimlich in ohnmächtiger Auflehnung.

Am nächsten Tage wanderte er in der Stadt umher
und fragte nach „dem" echten Spitzenladen. — Man
wies ihn in sechs verschiedene Magazine, von denen kein
cinziges Decken führte. — Endlich fand er das richtige.
Und hier breitete er seine Decke aus und fragte mit
schon belegter, schüchterner Stimine:

„Kann ich eine echte Spitzendecke in genau diesem
Muster bckommen? EZ müssen natürlich echte Klöppel-
spitzen sein."

Die Vcrkäuferin betrachtete die vorgelegte Decke, be-
trachtete dann verwundert ihn und sragte artig:

„Müssen es denn echte Spitzcn sein?"

„Ja, ja,-selbstverständlich! Und genau dieses Mustcr."

Wahrhaftig, das Glück war ihm hold. — Er fand
die gesuchte Deckc, verglich sorgsam das Muster, es
stiminte, obwohl irgendwie die Deckc „anders" aussah
— indessen dies wiirde, so hofste cr, Frau Vorburg und
vor allem Fräulcin Else nicht sogleich beincrken. War
er erst über alle Berge, dann mochten sie etwaige Unter-
schiede doch sehen.

Die Decke kostete fünfundsechzig Mark.

Herr Freilich fiel beinah' i,i Ohnmacht. Aber er be-
zahlte sie dennoch, und sein einziger matter Trost war
dabci, daß er dic beschüdigte Decke ja behalten und zu-
hause in seincr Universitätsstadt kunstvoll ausbesscrn
lassen werdc. Vielleicht konnte er sie danii irgend jcmand
mal zur Hochzeit schenken.

So uiiauffällig Ivie möglich lcgte er am nächstcn
Tage die neue Decke auf das Lacktischchen, ging im
Parke spazieren, traf dabci Fräulein Else und fand sie
wieder so reizend in ihrer rosigen Frische, daß er sich
fast wirklich verliebt hätte. Allcin in seincn Ohren
klang es heimlich Ivieder: „Fünfiindsechzig Mark für
eine kleine Decke. Davon liegen sechs Stück in einem
einzigen Zimmer. Das Haus hat siebeu Ziininer. Macht
zweiundvierzig Decken zu sünfundsechzig Mark. — Jede
Dame ist eine Verschwcnderin. — Wenn man eine der
zweiundvierzig Decken beschädigte, so bekoiiimt inan acht
Tage ein mürrisches Gesicht — macht eventuell 336 Tage
im Jahr ein mürrisches Gesicht —um Gotteswillen!"

„Was fehlt Jhnen denn, Herr Doktor?" fragte Else
sanft. „Sic sehen ja ganz verstört aus?"

»Jch — o, nichts — es tut mir nur leid, daß ich mit
dem Mittagszuge abreiscn muß. — Wichtige Bricfe..."

„Nein, wirklich?" rief Else buchstäblich betrübt ans.
„Wir dachten und hofftcn, Sie Ivürden recht lauge
bleiben."

„Aha!" 'dachte Freilich, immer ängstlicher wevdend,
„sie streckt schon die Angel nach mir aus." Und laut
murmclte er, „er bedaurc unendlich — hoffentlich ein
andermal . . ." und so weiter.

Um ein Uhr fuhr er fort.

Um ein Uhr fünf Minuten stand Else vor dem Lack-
tischcheii und lächelte seltsam. Um ein Uhr zehn Minuten
bcwunderte Lilli die kostbare Decke, welche ihr Gast in
zarter Aufmerksamkeit ihr hingelcgt hatte, und um zwci
Uhr schrieb Hans an seincn Frennd, er möge ihm doch
erklären, wieso sich Lillis einfache Maschiiieiispitzcndecke
in eine cchte verwandelt habe?

Der Doktor bekam fast eincn Schlaganfall, als er
den Brief bekam. — Aber das Allerschlimmste war doch,
daß er gute Miene zum bösen Spiel machen mußte. Und
so schrieb er zürück, er habe sich erlaubt, seiner liebens-
würdigen Gastgeberi» eine kleine Aufmerksamkeit niit
der Decke zu erweisen, da er die Vorliebe der Damen für
solche Bagatellen kcnne.

Und Else hat es nie gestanden, daß sie die Anstifterin
zu alledem gewesen war.

Als sie sich cinige Monate später verlobte, geschah es
mit eincm Herrn, der sehr wenig Geld, dafür aber eine
überaus kräftige „Willensnase" hatte.

Ueber Geschmack ist ja nicht zu streiten. ^-


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