Furtwängler, Adolf ; Curtius, Ernst [Hrsg.]; Adler, Friedrich [Hrsg.]
Olympia: die Ergebnisse der von dem Deutschen Reich veranstalteten Ausgrabung (Textband 4): Die Bronzen und die übrigen kleineren Funde von Olympia — Berlin, 1890

Seite: 100
Zitierlink: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/furtwaengler1890bd1/0112
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen Nutzung / Bestellung
0.5
1 cm
facsimile
IOO

Schwänze und der Vorderkörper eines anderen, ebenfalls
nach rechts fchreitenden Stieres zu fehen.

Es ift gewifs wahrfcheinlich, dafs dies Opfer kein
alltägliches, beliebiges lein foll. Man darf wohl vermuten,
dafs der Künftler damit jenes erfte Opfer gemeint hat,
welches Herakles in der von ihm abgemellenen Altis
darbrachte, als er die Feftfpiele zuerfl einrichtete. Dann
würde auch der Baum hinter dem Opfernden eine Be-
deutung gewinnen: es wäre jene wilde Olive, die Herakles
nach der olympifehen Tradition von den Hyperboreern
gebracht und in der Altis gepflanzt hatte, der Baum, der
dann als HceXKurre^avoc die Kränze für die Sieger lieferte.

Abg. Curtius, d. arch. Bronzerelief S. 11. Vergl.
Bronzefunde S. 90. Abgufs in Berlin (Friederichs-
Wolters, Gipsabg. No. 347).

695 (Taf. XXXIX)." Vor der Weftfront des Zeus-
tempels (Inv. 1325). Oberer Teil eines Blechitreifens von
0,135 Breite; erhaltene Höhe 0,15. Oben ill ein zweiter
Blechftreif angenagelt, von dem aber nur der untere
Rand erhalten ill. Die feitliehen Ränder zeigen einen
getriebenen Wultt. In ziemlich ftarkem Relief ift ein
Löwe herausgetrieben, der aufrecht auf den Hinterbeinen
flehend zu denken ift; erhalten lind feine vorgeftreckten
Vordertatzen. Sein Rachen ift weit geöffnet. Vor ihm
fieht man das obere Ende eines aufrecht flehenden
Ornamentes, delfen Herkunft aus der ägyptifchen Orna-
mentik namentlich durch die aus den unteren Ecken der
Voluten heraus kommenden Zipfel deutlich ift (vergl.
v. Sybel, Kritik des ägyptifchen Ornaments, Taf. III,
»Volutenkelch« D). Das Ornament ift in der phöni-
zifchen Kunft viel verwendet worden. Es erfeheint hier
in fehr derber plumper Form. Das Relief zeigt reiche,
von oben eingefchlagene Innenzeichnung. Die Mähne
des Löwen ift wie gefchuppt. An der Schnauze lind
fogar die Haare angedeutet. Die Stilifierung des Tieres
ift der auf affyrifchen Kunftdenkmälern nahe verwandt. —
Vergl. zur Darfteilung namentlich Mus. Gregor. 1, 1 5, 3. 4;
Br.-Funde S. 69 f.

Abg. Ausgr. II, Taf. XXXI.

696 (Taf. XXXVIII). Gefunden den 12. November
1877, ca. 18 m weftnordweftlich der Südweftecke des
Zeustempels, 3,05 unter dem Niveau des Tempelftylo-
bates, in der Höhe der antiken Bafen im Südwelten.
Länge 0,86, Breite unten 0,35, oben urfprünglich 0,25.
Grofse Platte von Bronzeblech mit getriebenem Relief.
Sie ward horizontal liegend gefunden. Eine einzelne
Rofette, die auf unferer Tafel rechts oben abgebildet
ift, lag bei der Auffindung auf dem oberen Streifen des
Reliefs links zwifchen den Adlern. Sie gehörte jedenfalls
nicht dahin, wohl aber wahrlcheinlich zu dem Geräte, wel-
ches die grofse Platte einft fchmückte. Es wurden keinerlei
Spuren von demfelben beobachtet. Der Schutt unmittel-
bar über und um das Relief herum enthielt Knochen-
refte und Scherben, darunter den Henkel eines altkorin-
thifchen Aryballos der gewöhnlichen kugeligen Form. —
Die Platte ift unten und oben nur durch Ichmale Wülfte
abgefchloflen, wie fie auch die einzelnen Felder der
Darftellung trennen. An den Seiten fehlt jeder Rand,
es ift hier nur die Grundfläche ein wenig aufgebogen.
Nirgends fieht man Nagellöcher. Vermutlich war die

Platte in einen feiten Rahmen von Holz eingelaffen.
Die nach oben lieh verjüngende Geftalt derfelben läfst
es als das wahrfcheinlichfte erfcheinen, dafs das Gerät
dem fie angehörte, ein Unterlatz war, wahrfcheinlich
der eines Thymiaterions.

Unter den in antiken Denkmälern nachweisbaren
Typen von Unterfätzen ift nämlich einer, zu deffen Hän-
digen Merkmalen es gehört, dafs fein unterer Teil aus
drei nach oben fchmäler werdenden und konvergierenden
Platten befteht, über welchen lieh dann ein vielfach ge-
gliederter Stamm erhebt, welcher ein kleineres Gefäfs,
das wahrfcheinlich zum Räuchern diente, trägt. Das
Ganze ruht auf drei Füfsen. Die erhaltenen etruskifchen
Bronze-Exemplare1) find zwar kaum älter als das 5. Jahr-
hundert, doch weifen fie auf ältere griechifche, wahr-
fcheinlich ionifehe Vorbilder zurück. An diefen war der
untere Teil gewifs nicht immer in einem Stück gegoffen,
wie bei jenen etruskifchen, die von befcheidenen Dimen-
fionen find, fondern fie werden aus Teilen zufammenge-
fügt vvorden fein. Dann aber war es ganz im Sinne der
älteren Kunft, jene trapezförmigen Flächen aus getrie-
benen Blechplatten herzuftellen, welche durch ftarke,
übergreifende Ränder feilgehalten wurden, welche, von
den Löwenklauen ausgehend, die Flächen umfchloffen.2)

Diefer Typus von Unterfätzen ift bekanntlich der
Ausgangspunkt für die Marmorkandelaber der fpäteren
Zeit geworden (vergl. Haufer, neuatt. Reliefs, S. 123fr.),
welche am trapezförmigen Teil in der Regel auch ftarke
Ränder und eingetiefte Relieffläche zeigen.

Die Verzierung der Platte ift in den Hauptformen
in flachem Relief getrieben; alle Einzelheiten aber, alle
Innenzeichnung und felbft die präzifen äufseren Umriffe
find von oben mit feinen Punzen eingefchlagen. Die
kleinen Kreife der die Zwifchenräume füllenden Punkt-
roletten lind mit entfprechenden kreisförmigen Stempeln
gefchlagen. Da alle Einzelheiten auf unferer Tafel völlig
deutlich lind, kann die Befchreibung eine kurze fein.

Das gröfste untere Feld, das B/u der ganzen Platten-
höhe einnimmt, zeigt das Bild der Artemis mit vier
mächtigen Flügeln, von denen zwei nach oben und zwei
nach unten gehen, alle mit rund aufgebogenen Enden.

11 Ein fchönes Exemplar in der Glyptothek zu München,
No. 305. Mehrere im Gregorianum, die aber alle ftark er-
gänzt find; f. Mus. Greg. I, 48, 5, viel ergänzt, war gewifs
höher; das Schälchen oben flammt von einem der gewöhn-
lichen l'püteren Kandelaber; 49, 3; 50, 4 ganz ohne Gewähr,
fehr ftark ergänzt, ebenfo 51,3. Ein befler erhaltenes kleineres
Exemplar im Museo Nazionale zu Rom. Vergl. auch Micali,
storia 29, 7 — 9.

-) Zwei prächtige gegoltene Füfse, wohl ionifch-griechifcher
Arbeit vom Anfang des 5. Jahrhunderts, oder gute etrus-
kifche Nachbildungen folcher, befinden fich im Museo etrusco
zu Florenz (Gori, mus. etr. I, 144. 145); ein Teil der ftarken
emporfteigenden Ränder ift erhalten, in welche wahrfcheinlich
die trapezförmigen Blechplatten eingefpannt wurden. Der eine
Fufs ift mit der Gruppe des nach ionifchem Typus unbärtigen
Perfeus verziert, welcher der ihm übers Knie fallenden nach
ionifcher Art lang bekleideten Gorgone den Kopf abichneidet;
an dem anderen Fufse ift Peleus und Thetis im Ringen ge-
bildet.
loading ...