Furtwängler, Adolf
Meisterwerke der griechischen Plastik: Kunstgeschichtliche Untersuchungen (Text) — Leipzig, 1893

Seite: 525
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NEUE MOTIVE

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vielleicht eine spätere Schöpfung des Skopas erhalten; ein zarter Knabe mit
Formen, die der schreitenden Hypnosstatue verwandt sind, die wir später
als skopasisch erkennen werden, setzt den linken Fuss auf eine Erhöhung;
der linke Arm ruht auf dem Oberschenkel, doch der Oberkörper ist etwas
nach seiner Rechten gedreht, wodurch zarte Falten auf dem Bauche und
seiner Umgebung entstehen und die Bewegung etwas Momentanes erhält.
Verwandt, doch ungleich ruhiger und zahmer in der ganzen Auffassung
ist eine wohlerhaltene Statue des Kapitals.1 Ein Jüngling, der den Mantel
um die Oberschenkel geschlagen, begleitet eine ruhige eindringliche Rede
mit einem Gestus der erhobenen rechten Hand, während er die Linke auf
dem hoch aufgestützten Beine ruhen lässt. Stil und Auffassung stehen
aber dem Praxiteles viel näher als dem Skopas; die herabhängende linke
Hand hat eine auffallende Aehnlichkeit der Bildung mit der des olympischen
Hermes, und auch der Kopf ist letzterem nahe verwandt. Vermutlich ist
auch hier Hermes dargestellt als Logios oder Agoraios; und zwar von
einem Praxiteles nahestehenden Künstler, der aber im Motiv des auf-
gestützten Beines Skopas Vorgang folgte.2

Und noch ein anderes lebhaftes Motiv mit starkgebrochenem Umrisse,
das ebenfalls aus dem Kreise der Malerei stammt, scheint Skopas zuerst
in die grosse Rundplastik übertragen zu haben: das Umfassen des einen
Knies mit beiden Händen. Die alte Vermutung, dass der sitzende Ares
Ludovisi auf Skopas zurückgehe, ist eine überaus wahrscheinliche. Er ist
gewiss eine verkleinerte Nachbildung des „Mars sedens colossiaeus in
templo Bruti Callaeci". Die Figur des Trajansbogens, die Stark glaubte
als solche ansehen zu dürfen, hat sich vielmehr als ein Heraklestypus eines
von Trajan eingerichteten Kultes erwiesen.3 Ares sitzend darzustellen, ist
etwas so auffallendes und vereinzeltes, dass wir von vornherein einen Zu-
sammenhang zwischen der in Rom überlieferten Statue des Skopas und
der ludovisischen vermuten dürfen. Der Stil bringt die Entscheidung. Er
ist keineswegs, wie man jetzt gewöhnlich annimmt,4 lysippisch; man

1 Heibig, Führer 505. Clarac 859, 2170. Die Angabe der Ergänzungen bei Clarac und
Heibig ist insofern nicht korrekt, als die linke Hand zwar gebrochen, aber antik und auch
ie rechte Hand zum grösseren Teile alt ist. Heibig spricht von „besser erhaltenen Wieder-
holungen» und einer „vortrefflich erhaltenen Pariser Replik"; er scheint damit aber den Typus
es Sandalenbinders zu meinen, der ein total verschiedener ist. Mir sind keine Wieder-
holungen bekannt.

Mehr skopasischen Charakter hat eine kleine Bronze in Berlin (Friederichs, kl. Kunst 1850),
•e den jugendlichen Herakles oder einen Athleten mit der Binde darstellt, in weitem Aus-
schreiten, mit dem rechten Bein hoch auftretend, der Kopf gehoben und hinausblickend; der
erregte Kopf ist dem skopasischen Herakles verwandt. — Ruhig gefasst, jenen Pariser Jüng-
j.ngsstatuen äh"licher, ist die Bronzestatuette Arch. epigr. Mitth. a. Oesterreich XIV, S. 42,
'e auch den jugendlichen Herakles darzustellen scheint.
t Petersen, Rom. Mitth. IV, 1889, S. 330 ff.
Friederichs, Bausteine 436 = Wolters 1268. Schreiber, V. Eudov. 63. Heibig,
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