Furtwängler, Adolf
Meisterwerke der griechischen Plastik: Kunstgeschichtliche Untersuchungen (Text) — Leipzig, 1893

Seite: 547
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PHRYNE UND APHRODITE 547

Wir sind berechtigt zu fragen, ob von diesen berühmten Statuen des
Praxiteles nicht auch Kopieen erhalten sind.

Die bekannte Venus von Arles (Fig. 102)1 geht ganz sicher auf Praxi-
teles zurück. Dies wird vor allem bewiesen durch die ausserordentliche
Aehnlichkeit des Kopfes mit den sicheren Kopieen der Knidischen Aphro-
dite.2 Die Anordnung der Haare, die zwei Haarbänder — auch das Arm-
band am linken Oberarm —, die Stirne und der Umriss des Gesichtes
stimmen vollständig überein. Nur im einzelnen erscheinen die Formen an
dem Kopfe von Arles etwas gebundener, weniger frei und härter; das Auge
liegt weniger tief, die Lider sind noch nach älterer Weise gebildet und
auch der Mund ist knapper, strenger gezeichnet. Und der ganze Ausdruck
des Kopfes, wie er schon durch die Haltung bedingt wird, hat etwas Be-
fangenes, Gebundenes neben der entzückenden Freiheit der Knidierin.

Dass die Venus von Arles in die Jugendperiode des Praxiteles gehört,
bestätigt sich auch, wenn wir den Körper betrachten. Die Stellung ist sehr
ähnlich wie an der Eirene und am eingiessenden Satyr. Wie dort ist das
linke das Standbein, ist der linke Unterarm vorgestreckt, etwas tragend,
ist der Kopf dahin gewendet und geneigt, und der rechte Arm erhoben.
Wie bei der Eirene ist der rechte Fuss nach phidiasischer Art nicht zurück-
gezogen, sondern nur zur Seite gestellt mit erhobener Ferse. Auch eine
der Musen an dem Basisrelief von Mantinea — diejenige, die die Flöte
hält — ist im ganzen Rhythmus der Stellung nahe verwandt. Die einfache
Behandlung des Gewands in grossen Zügen entspricht der Eirene und dem
eben erwähnten Musenrelief aus Praxiteles Jugend. Besonders charakteristisch
ist aber die Bildung des Nackten. Soweit sich Knabe und Mädchen ver-
gleichen lassen, ist sie überaus verwandt der am eingiessenden Satyr; auch
hier ist der Bauch noch flach und die ganze Vorderseite des Körpers noch
m grossen breiten Flächen gehalten, die nach den Seiten scharf um-
biegen; der Thorax ist breit und die — sehr jugendlich gebildeten —
Brüste stehen weit auseinander;3 die Ausbiegung der Hüfte am Standbeine
ist noch eine geringe und knappe. Der Körper verhält sich zu dem der
Knidierin ähnlich wie der eingiessende Satyr zu dem Hermes; nur ist die
Distanz bei letzteren Werken noch grösser-als bei ersteren; die Knidierin
hat noch nicht die dem Hermes entsprechende Stufe der Rundung aller

Fröhner, notice de la sculpt. No. 137. Rechter Arm und linke Hand neu. Der
Marmor ist sog. thasischer. Die Gewandung vorne stark geputzt und teilweis überarbeitet;
der Kopf aber ist gut erhalten. Vgl. Bernoulli, Aphrodite S. 182. Brunn-Bruckmann, Denk-
maler No. 296. — Eine gutgearbeitete Replik, leider nur ein Torso, wurde in Athen in der
Nahe des Theaters gefunden (Friederichs-Wolters 1456, wo er nicht als Replik erkannt igt);
vgl- in Roscher's Lexikon I, 415, Z. 30. Brunn-Bruckmann, Denkm. No. 300A.
2 Ueber diese vgl. unten S. 551.
Die Brüste sind an dem Torso von Athen viel lebendiger ausgeführt als an der Pariser
o atue, doch stimmen die beiden Kopieen in der Form durchaus überein; nur durch die Aus-
uhrung giebt der Torso einen besseren Begriff vom Originale.

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