Furtwängler, Adolf
Meisterwerke der griechischen Plastik: Kunstgeschichtliche Untersuchungen (Text) — Leipzig, 1893

Seite: 549
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PHRYNE UND APHRODITE 549

stammen muss, zeigt eine Frau, wohl Aphrodite, ganz ebenso mit dem
Mantel um den Unterkörper und dem Spiegel in der Linken.1 Auch an
Terrakotten jener Zeit kommt das Motiv ähnlich vor.2 Die Entblössung
des Oberkörpers ist dadurch begründet, dass die Göttin bei der Toilette ist.
Die Statue gehört der Zeit des eingiessenden Satyrs und des thespischen
Eros an; es ist danach sehr möglich, dass sie die Aphrodite wiedergiebt,
die neben dem letzteren in Thespiä stand.

Eine Statue aus Ostia im Britischen Museum ist der eben besprochenen
aufs nächste verwandt (Fig. 103).3 Sie stellt eine Variante desselben Motivs,
doch mit vertauschten Seiten dar. Der Kopf ist wieder der Knidierin so ähn-
lich, dass wir auch hier an Praxiteles zu denken haben. Aber das Original
muss jünger gewesen sein als das der Statue von Arles. Die Stellung und
Haltung ist wesentlich freier, das Spielbein mehr zurückgezogen, und vor
allem ist der — relativ kleinere — Kopf nach der Spielbeinseite und empor
gewendet, womit die ganze Ruhe und Geschlossenheit jenes älteren Werkes
aufgegeben ist; die Entblössung ist an der einen Seite etwas stärker, das
Gewand ist viel reicher und unruhiger in den Falten; die Körperformen
sind runder und der Knidierin sehr verwandt; die Brust ist nicht mehr so
breit und flach, die Brüste stehen näher und der Nabel ist tief eingesenkt,
die Trennung des Unterleibs vom Schamberg ist ganz wie an der Knidierin.
Gewiss war auch das Motiv dem der Statue von Arles gleichartig;
die Linke hielt wohl den Spiegel empor, und die Rechte mag irgend ein
anderes Toilettengerät, Salbgefäss oder dgl. gehalten haben. Die Auf-
fassung entbehrt der Ruhe und Würde, die jene andere Statue hatte: dies
Mädchen blickt fast herausfordernd und selbstbewusst; ihrer Schönheit froh
erhebt sie den Spiegel und achtet es nicht, wenn der Mantel etwas weiter
gleitet.

Ich glaube, so muss eine Phryne von Praxiteles Hand ausgesehen
haben: ideal schön und grossartig, aber doch von der Göttin verschieden
genug. Die im Altertum berühmte Statue der Phryne war die von Delphi,
die, wie wir sahen, jünger war als das thespische Weihgeschenk. Sie
möchte ich in dem Londoner Marmor nachgebildet vermuten. Auch von
den beiden Porträts, zwischen denen sie aufgestellt ward, der Könige

„.. In Berlin> 8-4631; Skarabäoid aus Sparta; dem Stile nach gewiss nicht jünger als erste

Hälfte des vierten Jahrhunderts; auch die Stellung auf dem linken Beine stimmt; die Rechte
ist gegen den Kopf bewegt, ohne etwas zu halten. Das Haar mit drei Binden umwunden,
ähnlich dem der Statue. Breite Brust.

Vgl. z. B. Dumont-Chaplain, ceramiques II, pl. 28, I; hier hält die erhobene Rechte
em Haarband. Der Stil weist auch diese Figur in die erste Hälfte des vierten Jahrhunderts;
auch hier ist die Stellung auf dem linken Beine und die breite flache Brust der Statue von
Arles besonders ähnlich.

Friederichs-Wolters 1455. Der Kopf ist ungebrochen; der linke Arm ergänzt, doch
war er erhoben; auch die rechte Hand ist neu. — Fröhner, notice p. 180 nennt die Statue
geradezu eine „imitation" der von Arles.
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