Furtwängler, Adolf
Kleine Schriften (Band 2) — München, 1913

Page: 312
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312 ÜBER EIN AUF CYPERN GEFUNDENES BRONZEGERÄT.

derselben Epoche wie der salomonische Tempel, aus etwa dem zehnten Jahr-
hundert.1

Ich habe mich früher2 gegen die seit Piper oft behauptete Beziehung der
salomonischen Gestühle zu den europäischen Kesselwagen erklärt, indem ich den
letzteren ihre Eigenart gewahrt und sie nur mit dem durch die Münzen als sicher
gleichartig erwiesenen Kesselwagen von Krannon in Verbindung gebracht wissen
wollte, und vor allem, weil ich nicht in den von der urgeschichtlichen Archäologie
so häufig begangenen Fehler verfallen wollte, der darin besteht, daß man auf
vermeintliche oberflächliche Ähnlichkeiten hin allerlei Erscheinungen alteuropäischer
Kunst allzu bereitwillig und unbesehen auf orientalische Einflüsse zurückführt.
Auch den vortrefflichen Forschern Undset und Montelius kann ich nicht bei-
stimmen, wenn sie ein auf altitalischen und entsprechenden nordischen Bronzen
häufiges Motiv auf die ägyptische von den Uräusschlangen umgebene Sonnen-
scheibe zurückführen,3 obwohl kaum eine entfernte Ähnlichkeit und sicher keinerlei
nachweisbare Beziehung zwischen jenen Erscheinungen besteht. Die Wirkung
jenes ägyptischen Symbols war gewiß eine ausgedehnte, die wir weithin genau
verfolgen können; aber mit jenem italisch-nordischen Ornamente, das vielmehr
432 in einem eigenen festen Zusammenhange steht, in welchem es seine volle Er-
klärung findet, hat es nichts zu tun. Gleichwohl hat man wichtige Schlüsse auf
jene falsche Annahme gebaut. Das Buch von M. Hörnes, Urgeschichte der bil-
denden Kunst in Europa, 1898, das ein schönes bedeutendes Thema leider mit
weitschweifiger Verworrenheit und Oberflächlichkeit mißhandelt hat, ist angefüllt
von falschen Behauptungen jener Art; die Phantasie des Autors sieht überall in
der europäischen Plastik der sog. Hallstatt-Epoche den Phöniker spuken; er sieht
nichts anderes mehr als Umbildungen der „nackten Astarte, desBes, der Kabiren",4
während in Wirklichkeit von dem allem auch nicht die Spur nachweisbar ist.
Diese Art der Verirrung schwebte mir vor, wenn ich (a. a. O. S. 262) von einem
„der schlimmsten Irrtümer der urgeschichtlichen Archäologie" gesprochen habe.
Indeß was jene Kesselwagen betrifft, so liegt die Sache für mich jetzt anders.
Eine Beziehung des Räderbeckens von Krannon und der sicher diesem gleich-
artigen, der Epoche des salomonischen Tempels selbst angehörigen Kesselwagen
nördlicher Funde ist jetzt ganz anders wahrscheinlich und erscheint in neuem
Lichte, nachdem wir erkannt haben, daß jene salomonischen Geräte selbst einer
von Nordwesten nach Phönikien gekommenen Kunsttradition entstammen. Daß
jene Erscheinungen alle untereinander in Beziehung stehen, ist jetzt kaum zu

1 Vgl. Undset a. a. O. S. 58. Montelius nimmt jetzt als Zeit dieser Fundgruppe das
elfte Jahrhundert an (vgl. in Strena Helbigiana S. 210).

2 Meisterwerke der griech. Plastik S. 262 f.

3 Undset in den Annali dell'Inst. 1885, S. 78; Zeitschr.f.Ethnol.1891, S.243. Montelius
in Strena Helbigiana S. 207.

* a. a. O. S. 504.
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