Furtwängler, Adolf ; Reichhold, Karl ; Huber, Alois
Griechische Vasenmalerei: Auswahl hervorragender Vasenbilder aus dem gleichnamigen großen Werke (Text) — München, 1924

Seite: 36
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Tafel XVI

KRATER

Sonnenaufgang
(London)

Sonnenaufgang ein griechischer Vasenmaler versucht hier einen Naturvorgang im Bilde wieder-
zugeben, oder besser gesagt das, was er bei diesem alltäglich sich wiederholenden wunderbaren
Schauspiel innerlich erlebt, in der Sprache des Künstlers der Mitwelt zu erzählen. Denn hier ist von
allem tatsächlich Gesehenen bewußt abgesehen, einzig die schöpferische Phantasie des Griechen spricht
aus dem Bild, die Phantasie, die hinter allen Geschehnissen der Natur das Wirken unsichtbarer Lebe-
wesen, guter und böser Dämonen schaut und empfindet. Es offenbart sich uns, um einen Vergleich
Fr. Hausers zu gebrauchen, mehr der Dichter als der Maler aus dem Vasenbilde.
Helios, der Sonnengott, taucht auf der rechten Seite des in seiner ganzen Länge in natürlicher Größe
dargestellten Bildstreifens in eilender Fahrt, überall Licht verbreitend, mit seinem von geflügelten
Rossen gezogenen Viergespann aus den Fluten des Okeanos auf. Vor seinem Glänze verschwinden
die Sterne der Nacht. In Gestalt kecker Burschen stürzen sie sich ins Meer, nicht anders, wie es die
Griechenjungen heute wie vor zweitausend Jahren von den Felsengcstaden der Inseln und Küsten
des Festlandes beim erfrischenden Bade machen. Die Sterne „tauchen unter", so sagt ja auch der
Grieche in seiner Sprache. Dem Gotte voraus aber eilt „die rosenfingrige Eos", die Göttin der Morgen-
röte; in langwallendem Gewand, mit Flügeln auf dem Rücken, so kündet sie der Welt alltäglich das
Nahen des Helios, so überrascht sie auch nach einer schönen Sage den eifrigen Jäger Kephalos, der
in Begleitung seines Hundes schon vor Tag dem Weidwerk obliegt. In heißer Liebe zu ihm entbrannt,
sucht sie ihn seiner Gemahlin Prokris zu entführen; er aber widersteht ihren Lockungen; in nicht
mißzuverstehender Weise droht er ihr auf unserem Bilde mit einem Steine.

Selene endlich, die Göttin der Nacht, sehen wir warm verhüllt auf einem Pferde oder Maultiere von
dannen reiten, sie weicht der Herrschaft des sieghaften Gottes. Zu ihr gehört, nach Hausers neuerdings
freilich angefochtener Deutung durch die symmetrische Anordnung in der Bildkomposition verbunden,
der Jüngling über dem Henkel in der Mitte des Bildes. Ihn erklärt dieser als den ewig jungen Endy-
mion, dem Zeus dauernde Schönheit und Jugend in Form eines immerwährenden Schlafes schenkte
und den Selene in treuer Liebe Nacht für Nacht in seiner Grotte aufsucht, um ihn dann am Morgen
wieder zu verlassen.

Soviel zur sachlichen Erklärung des schönen Vasenbildes, aus dem wie selten die ganze Zartheit
und Innigkeit des Naturglaubens der Antike zu uns spricht, eines Naturglaubens, den wir Moderne
wohl nachfühlen können, den aber in seiner Ursprünglichkeit selbst zu erleben wir nicht mehr in der
Lage sind.

Die kunstgeschichthchc Einschätzung des 30 cm hohen, blumenkelchförmigen Mischgefäßes, das sich
heute im Britischen Museum zu London befindet, hat insoferne zu Zweifeln und Meinungsverschieden-
heiten Anlaß gegeben, als sich uns in seiner Art der Zeichnung bemerkenswerte Verschiedenheiten
zeigen. Während nämlich die linke Hälfte unserer Tafel mit dem auftauchenden Sonnenwagen in ihrer
leichten, gefälligen Darstcllungsweise ganz an die Art des Meidias, dessen Namen zu nennen schon
Gelegenheit war, erinnert, scheint die rechte Bildhälftc mit ihrer härteren Formcngebung und Gewand-
behandlung einer älteren Kunstrichtung anzugehören. Auch hier hat wohl Hauser das Richtige ge-
troffen, wenn er in letzterer die weniger sorgfältig gezeichnete „Rückseite" des Gefäßes sieht, bei der
der Maler in handwerksmäßiger Routine einen altertümelnden Stil nachahmte,während ausder „Vorder-
seite" sein wahres Können spricht; und dies weist ohne Zweifel in die Vasenmalerei des ausgehenden
5. Jahrhunderts.

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