Marées-Gesellschaft [Editor]
Ganymed: Blätter der Marées-Gesellschaft — 5.1925

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jCHOMANDER/O STRASSBURG

T99

O STRASSBURG
VON
CHOMANDER
1914. Juni. — Sehr milde, weiche Luft. Regengestiebe.
Bahnhofstraße? Nein,so hieß sie nicht. Richtig: „Küßgasse.“ Nun, Nun! — Hier am Kleber-
staden ist Straßburg gar nicht wunderschöne Stadt oder zum Küssen. Dennoch muß ich
beständig vor mich hinlachen, ohne Grund, wie ein alter Narr. Bloß, weil ich wieder in
Straßburg bin? Ja; schon zum zweiten Male geht es mir so. Das ist nicht wie in Heidel-
berg. Wer hinkommt, hat trotz des unvermeidlichen Regens jedesmal wieder das Gefühl,
es sei Sonntag. In Straßburg war mir der Sonntag stets unleidlich. Nur eines einzigen er-
innere ich mich gern. Nach Schluß einer verlängerten Sommersamstagsitzung zog ich
ganz allein, sehr früh, am 111-Rhein-Kanal entlang, dann rheinabwärts ... Jedermann kennt
die weißgeländerte Holzbrücke über die Altwassermündung da hinten. Die weite Ein-
samkeit — die leichte Kleidung vom warmen Abend her — der Morgenschein, der über
den Schwarzwald herüberblendet — der eilige, zitternde Wellenzug — der lange, leere
Deich — irgend etwas Ergreifendes liegt in all dem. Irgend etwas macht das Herz schwellen.
Unmöglich zu widerstehen: das ganze, lange Geländer wird hoch oben abgegangen, mit
köstlichstem Schwebegenuß. Dann linkwärts ins Weidendickicht. Ein Altwasserbecken,
versteckt, sauber, abgeschlossen, einladend wie eine Badewanne — also noch eine Ver-
suchung! Nur sehr selten blieb mir ein Bad im Freien ohne unangenehme Folgen —
das an jenem Sonntag war das allerschönste.
Warum ich immerfort lachen muß? Seit zwanzig Minuten bin ich wieder in Straßburg.
Es ist nicht, weil auch Du kommen willst. In den dreizehn Jahren unserer Kameradschaft
sind viele lange und schwere Trennungen vorgefallen; diesmal verließ ich Dich erst vor
ein paar Tagen. Schon zum dritten Male kommst Du nach Straßburg mich zu besuchen.
Heuer ist es ein Abstecher, ein Umweg — Straßburg zuliebe! Unser Feriennest liegt drüben
im Schwarzwald.
Jawohl! Richtig! Das Christinchen ! Fast lächerlich,dies Zusammentreffen,kaum daß ich
anlangte. — Nicht mehr da hinten bei der Thomasbrücke? Sehr begreiflich: da wir alle
fort sind! Nur auf Besuch? Sonst wohl wieder in Altenheim, wo die kleinen Pferde sind?
Wenn man das Christinchen, das badische Mädchen mit Zopfkranz und Samtbändchen, nach
ihrem Dorfe fragte,sprach sie stets: „wo die kleinen Pfärde sind.“ Wahrscheinlich hatte
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