Marées-Gesellschaft [Editor]
Ganymed: Blätter der Marées-Gesellschaft — 5.1925

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RASSO BERGMANN/MAX BECKMANN 23i
Reisens? Vielleicht werden doch die Städte, deren beste Luft der Friede ist, dieses Unglück
besiegen. Wären große Staaten dem Beispiel des alten Stadtstaates gefolgt, der Frankfurt
hieß, wir würden in der Sinfonie der Stimmen weniger von dem Waffenlärm und dem
Wehklagen hören, das sich im europäischen Antlitz so unwirsch widerspiegelt.

MIT EINEM BILDE DES MAX BECKMANN
VON
RASSO BERGMANN
Wie licht und heiter, wie bunt ist in diesem Olymp das Verweilen der versammelten
Familienglieder, denen nebenan der Vater, Großvater, Schwager und Onkel im
Sterben liegt. Der Trauerflor um die Apachenaugen des künftigen Familienhauptes ist
nur ein Witz.
Wie traurig, wie bannend, beizend, wie giftig ist das Vorvergnügen der Auseinander-
strebenden, die auf den Beginn des Maskenballs warten. Die Hängelampe brennt faul mit
riechendem 01. Die Tür steht offen.
Der Traum fällt ein: ich ging einen langen Korridor —- in ungenauer Halbnacht — ich
trat vor die Tür am Ende des langen, langen, schmalen, stollenförmigen Korridors — ich
klopfte an — die Tür ging auf (schauderhaft: von selbst ging sie auf) — und niemand
war drinnen. Niemand? Niemand? Der Niemand — wahrscheinlich aufgebahrt.
Die Schwiegermutter, schiefergrau, graphitgrau, abgenützt, mit Erdbeerrosa und Lilablau
an der Schürze, herabgestiegene Nischenfigur, wandelnder, aufrecht wandelnder Wasser-
speier von einem Münsterdach ... sie kommt mit einer Kerze, seitwärts herein wie aus einer
Kulisse, Toten wacht zu halten. Draußen ist es schwarz — schwarz, und nicht einmal Regen;
bannendes Schwarz.
Man hört trockene Schritte. Man bringt einen blankschwarzen Sarg aus der dumpf-
schwarzen Nacht— oder trägt ihn weg — und die Mutter, Schwiegermutter, Großmutter
und Tante geht, mit der Kerze das Stiegenhaus zu beleuchten. Was für ein Stiegenhaus.
An die Wände haben die Rotwelschen, teils mit Schwung und Schnörkel, teils mit Kinder-
schrift geschrieben: Bruch — und haben mit Bleistift und Splittern von Backstein unflätige
Zeichnungen dazugezeichnet. Im Parterre stinkt es nach Kohlsuppe und Gas .. . (Hier oben
sind wir im fünften Stock links.)
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