Die Gartenkunst — 32.1919

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Vom sparsamen Bauend

I.

Der Gedanke der bestmöglichen Zusammen-
fassung der Siedlungsanlagen in sich ist vom
praktischen Standpunkte aus bestechend; ja
selbst der künstlerische Standpunkt kommt
zu Recht, wenn wir uns Häuserblocks vergegen-
wärtigen, wie Behrens sie zeigt. An Stelle aller
„Sentimentalitäten“, mit denen die Verfasser
gründlich aufräumen, tritt ein starker Zug von
Monumentalität, begünstigt eben durch starke
Zusammenfassung. Nichts erscheint einleuchten-
der, als äußerste Verbilligung, gepaart mit all
den Vorzügen, die in der Behrensschen Schrift an-
geführt sind; es ist auch unzweifelhaft richtig, was
vom Einzelhaus und seinen Nachteilen gesagt
wird — für heute und die nächsten, vor uns
liegenden schweren Wirtschaftsjahre. Der Ge-
danke an letztere hat die Verfasser zu ihren
Ausführungen bewogen, und wo die Aufgabe,
dem Wohnungsmangel unter allen Umständen zu
steuern, gebieterisch und dringend an Kommunen
und Großunternehmen herantritt, erscheint der
vorgeschlagene Weg der günstigste.

# *

*

„Sentimentalitäten“ lassen sich aber auf die
Dauer nicht ganz unterdrücken. Es könnten
Lebenswerte sein, die beseitigen zu wollen, der
eigentlichen Siedlungsbewegung entgegenge-
arbeitet hieße. Das Ideal des nach Bodenstän-
digkeit Strebenden besteht nun einmal im allein-
stehenden Eigenhaus- oder Häuschen; ein Zuge-
ständnis ist schon im Reihenhause gemacht, und
das Mietshaus in noch so ansprechender Form
wird nie das Heimgefühldes Bewohners erwecken.

Es handelt sich bei der Siedlungsbestrebung
im letzten Sinne doch nicht um Schaffung von
Wohnungen für Minderbemittelte, sondern um
Seßhaftmachung des Teils der Bevölkerung, der
bisher bis zu einem gewissen Grade heimatlos
war. Unser Wirtschaftsleben vor dem Kriege
bedingte in sehr häufigen Fällen das „Nicht-an-
der-Scholle-hafien“ nicht allein des Arbeiters,
sondern auch vieler gehobener Gesellschafts-
Schichten; auch die kommende Zeit wird nicht
imstande sein, dies restlos auszumerzen.

Der Bürger mit festem Wohnsitz und eben-
solcher Arbeit ist das breite Fundament, auf dem
ein Staat sich aufbaut. Der Qualitätsarbeiter
(und ihn braucht unsere Industrie jetzt in noch
viel höherem Maße, als vor dem Kriege) hat
seine Leistungen längst neben die des Bürgers
gestellt. Die Hebung innerhalb der eigenen
Klasse ist ein Segen, der dem einzelnen wie dem

Gesamtvolke zugute kommt. — Bei der straffen
Arbeitseinteilung, die erfolgen muß, wollen wir
uns wirtschaftlich wieder aufrichten, wird die
große Mehrzahl der Arbeitenden zu Qualitäts-
arbeitern. Ihre dauernde Seßhaftmachung ist
von größter Bedeutung, und Umzug des ein-
zelnen bedeutet Verschwendung kostbarer Zeit.
Nicht durch Zeitumstände allein bedingt, son-
dern aus technischer Notwendigkeit werden die
Unternehmer dazu übergehen müssen, ihre Ar-
beiter durch Gewinnanteil an die Scholle zu
fesseln — zum Wohle beider.

Warum bauen wir Siedlungen? Doch nicht
nur als Gewähr einer körperlich gesunden Ar-
beiterbevölkerung und um uns einen lebens-
kräftigen Arbeiterstand für die Zukunft zu
schaffen, sondern um möglichst vielen das Glück
ungestörten Familienlebens zu bieten — auf
eigener Scholle. Dazu müssen wir von der von
den Verfassern vorgeschlagenen Intensität der
Bodenausnützung und Verbilligung des Bauens
wohl oder übel etwas abweichen. Es ist keine
„wohlwollende Verlogenheit“, auch kein „gut-
gemeinter Betrug“, es ist weder „Sentimenta-
lität“ noch „falsche Romantik“, wenn gesagt
wird, daß der Gedanke an Gemeinschafts-Küchen
u. dgl. dem Althergebrachten so zuwiderläuft,
daß der unserm Volke verbliebene Rest gesun-
den Familiensinnes die Ausführung scheitern
lassen muß. Der eigene Herd ist ein Bestandteil
ohne den der noch so einfach denkende Mann —
oder gerade er — sich ein Familienleben schlech-
terdings nicht vorstellen kann. Ersteren aus-
schalten zu wollen, heißt freilich bis zur äußer-
sten Folgerichtigkeit sich auf den rechnerischen
Standpunkt stellen. Es bleibt dann aber die Frage
offen, warum den Siedlern Gemüsegärten zu-
geteilt werden.

Junggesellen- und Witwerheime sind gewiß
anerkennenswerte Einrichtungen, deswegen be-
rechtigt, um dem Schlafstellenwesen vorzubeu-
gen, doch dürften sie bei einer Siedlung in letzter
Linie in Frage kommen. Der Witwer mit Kin-
dern, die noch in versorgungsbedürftigem Alter
sind, tut an ihnen und dadurch am Volke ein
gutes Werk, wenn er unter Hintansetzung aller
Sentimentalitäten seinenKinderneineMutter und
die Kinderstube möglichst schnell wiedergibt, um
sie zu bodenständigen Gliedern der völkischen
Gemeinde zu erziehen. Für den Junggesellen
schafft die Zukunft hoffentlich recht bald die
Möglichkeit, in jungen Jahren eine Familie zu
gründen; ihn treibt die gemeinsame Küche ohne-
hin bei natürlicher Veranlagung zu diesem Ziele.

*) Ein Beitrag zur Siedlungsfrage von Peter Behrens und H. de Fries. Verlag der Bauwelt, Berlin,
Kochstraße 22/24. 1918. Bei der Wichtigkeit der Sache hielten wir es für angezeigt, zwei Besprechungen

des Buches zu bringen, die zu verschiedenartigen Ergebnissen kommen. Die Schriftleitung.

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