Die Gartenkunst — 32.1919

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Die Grünanlagen des Zweckverbandes Leuna.*)

Von Garteninspektor H. Gerlach, Rössen b. Merseburg.

Nachdem der Bebauungsplan für die Gemar-
kung des Zweckverbandes Leuna endgültig auf-
gestellt ist, bedürfen auch die Grünanlagen der
Festlegung eines geeigneten Vorschlages. Da-
zu ist dieser Ent-
wurf aufgestellt.

Seine Ausführung
sollte möglichst zu
gleicher Zeit mit
der Verwirklichung
des Bebauungs-
planes in Angriff
genommen wer-
den. Denn es
ist zu berücksich-
tigen, daß Garten-
anlagen erst nach
einer Reihe von
Jahren jene voll-
endete Wirkung
ausüben, wie sie
beim Entwürfe ge-
dacht war, da Bäu-
me wie Sträucher
zu ihrer Entwick-
lung Zeit brauchen.

Mehr noch also
wie der Städte-
bauer schafft der
Gartengestalter
Werte für das kom-
mende Geschlecht.

Deshalb sind auch
beiderPlanung sol-
cher Anlagen nicht
nur derzeitige Zu-
stände, sondern
mehr noch die sozialen Entwicklungsmöglich-
keiten in Betracht zu ziehen.

Das vornehmste Ziel der heutigen Gemeinde-
politik ist Hebung der Kultur der breiten Massen,
in Sonderheit die Förderung des gesundheitlichen,
sittlichen wie geistigen Wohles des heran wachsen-
den Geschlechtes. Dazu ist nötig die Errichtung von
Kindergärten, Jugendheimen, Schul- und Schüler-
gärten, Schrebergärten, Sport- und Spielplätzen.

Diese Gesichtspunkte, gepaart mit denHeimat-
schutzbestrebungen und der für die in Frage

kommenden Gegend dringend notwendigen Land-
schaftspflege, waren bei Bearbeitung dieses Ent-
wurfes die leitenden Grundgedanken, um so eine
der Menschheit Ruhe und Erholung spendende

Grünanlage von
volksgesundheitli-
cher Bedeutung zu
schaffen.

Ist es schon ein
Gebot der Zeit, mit
den sparsamsten
Mitteln den ge-
wünschten Zweck
zu erreichen, so
kommt hier hinzu,
daß das zur Schaf-
fung der Grün-
anlagen bereitge-
haltene Gelände
im Überschwem-
mungsgebiet der
Saale liegt und
daher größtmög-
liche Einfachheit
geboten ist, damit
bei eintretendem
Hochwasser der
Anlage kein be-
trächtlicher Scha-
den zugefügt wird.
Auch sollen die
Grasnutzung der
Wiesen nicht be-
einträchtigt, die be-
stehenden öffent-
lichen Wege nicht
verlegt und die
vorhandenen Bäume und Alleen geschont und
besser zur Geltung gebracht werden.

Es wurde deshalb bei diesem Entwurf unter
Ausschluß landschaftsgärtnerischer Parkbilder
durch Schaffung neuer Alleen, sowie durch wald-
artige Aufforstung der vorhandene Baumbestand
vermehrt und ergänzt.

Das Ganze ergibt eine idealisierte Kultur-
landschaft mit rhythmischem Wechsel von Wald
und Wiese, worin alle kleinlichen Gartenkünste-
leien ausgeschaltet bleiben und lediglich die gro-

Waldwiese mit Pappelring.
Grünanlage des Zweckverbandes Leuna.

Gartenarchitekt: H. Gerlach, Garteninspektor, Rössen b. Merseburg.

*) In der Gemarkung Leuna entstand vor 3 Jahren das Ämmoniakwerk Merseburg der Badischen
Anilin- und Sodafabrik. Durch diese 30 000 Menschen beschäftigende Werke wurde plötzlich aus der
rein landwirtschaftlichen Gegend Industriegebiet größten Stils. Daß diese Umwandlung große Ver-
änderungen im Leben der angrenzenden Gemeinden brachte, ist wohl erklärlich, zumal es sich durchweg
um kleinere Ortschaften und Dörfer handelt.

Obwohl das Werk selbst eine großzügige, neuzeitliche Beamten- und Arbeiterkolonie ausbaut,
bleibt für die einzelnen Gemeinden noch mancherlei in sozialer Hinsicht zu lösen übrig. Da jedoch die
Gemeinden finanziell einzeln sich nicht stark genug fühlen, haben sie sich als Zweckverband Leuna
zusammengeschlossen, dem als kapitalkräftigstes Mitglied das Ammoniakwerk selbst angehört.

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