Die Gartenkunst — 32.1919

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Naturalismus im Garten.

Die Entwicklung der Gartenkunst in den beiden
letzten Jahrzehnten hat dahin geführt, daß der
Gartenkünstler dem eigentlichen Gebiete seines
Schaffens, dem Naturalismus, völlig entfremdet wor-
den ist. Seine Tätigkeit ist ein Zweig der Achitek-
tur geworden. Selbständige Gartenkunst, der Na-
turalismus, existiert heute nicht mehr. Daran
ändern auch nichts die Kompromisse, mit welchen
noch heute für die landschaftliche Richtung einge-
treten wird. Weshalb ist Naturalismus in Malerei
und Plastik erlaubt, nicht aber in der Gartenkunst?
Der Einwand, daß wir unser Material nicht genügend
beherrschen, hält doch bei einer näheren Prüfung
nicht stand. Wer hätte nicht schon erfahren, wie
stark die Persönlichkeit aus einer landschaftlichen
Anlage sprechen kann? Die Naturform der Pflanze
kann im regelmäßigen Garten zwar durch ihren
Gegensatz zu den gebundenen Formen zu guter
Wirkung gelangen. Die harmonische Entfaltung
dieser Naturform aber kann sich nur im Naturform-
garten auswirken, wie auch die relative Schönheit
eines Gehölzes, welche durch die jeweilige Zu-
sammenstellung mit anderen Gehölzen zu einem
andern Ausdruck gelangt.

Sicherlich ist der Landschaftsgarten von früher
in sehr vielen Beziehungen anfechtbar gewesen.
Während die Kunst nur unmittelbar aus der Phanta-
sie entspringen soll, hatte man sich zu sehr unter
das Schema der „schönen Gartenkunst von Meier“
gebeugt und die Manier ausgebildet. Dann war es
auch die irrige Verwendung des Naturalismus bei
Aufgaben der angewandten Kunst, zu welchen neben
anderen Zwedianlagen auch der Haus- und Wohn-
garten zu rechnen ist. Ein naturalistischer Garten
darf als freies Kunstwerk stets nur einem Zwecke
dienen, der Schönheit. Auch die Wege sind dabei
nur ein Mittel zu dem Zwecke, die Schönheit des
Gartens zu genießen, welche nicht wie ein Gemälde
von außen her betrachtet werden kann.

Die Naturform bildet den Stil des Gartens.
Denkt man sich dabei die freie Linie im Gegensatz
zu der gebundenen, so ist damit noch wenig gesagt.
Im Einzelnen, wie im Kristall, im Organismus von
Tier und Pflanze, tritt die Natur nicht in prinzipiellen
Gegensatz zur menschlichen Formgebung. Die Form
der Organismen ist im höchsten Grade das Resultat
eines zweckmäßigen Ausbaus ihrer Funktionen.
Alle Einzeldinge in der Natur tragen in sich den
Willen zu einer bestimmten Gestaltung, welche sie
möglichst vollkommen durchzusetzen suchen. Als
Einzeldinge kann man betrachten das Kristall, den
Wassertropfen, die zusammenhängende Wasser-
masse, überhaupt die kohärierende Masse einer
Substanz, ferner die Organismen.

Wir müssen in dem Naturganzen den Willen
des Einzelnen dem des Universum gegenübersetzen.
Selbstverständlich ist der Grad, in dem das Einzel-
ding seinen Gestaltungswillen durchsetzt, nur ein
sehr unvollkommener. Am stärksten vermag er sich
noch bei den Organismen durchzusetzen. Naturform
ist nun die Form, welche aus dem Nachgeben des
Einzelwillens alles Individuellen gegenüber dem
Universum entsteht. Sie birgt in sich das Geheimnis
der Mannigfaltigkeit, des Unberechenbaren in der
Natur, über welches uns die Übersicht mangelt. Ein
konstruktives Schaffen in der Naturform im Sinne
der Architektur gibt es allerdings nicht. Es gibt
aber ein gefühlsmäßiges Schaffen durch geistiges
Verarbeiten der im Gedächtnis aufgespeicherten
Naturein drücke, wie wir es in der Landschaftsmalerei
kennen. Es ist aber von Wichtigkeit, daß wir in
unseren Werken keinen Vergleich mit der Natur auf-

kommen lassen. Zur Naturnachahmung sind unsere
Gestaltungsmittel viel zu unzulänglich. Auch ist die
Natur der Kunst ja nur ein Mittel zu dem Zwecke,
Schönheit in bestimmten Gefühlswerten auszudrücken.
Was wir schaffen, ist etwas Eigenes, von der Natur
Verschiedenes.

Die meisten natürlichen Formencharaktere kann
der Gartenkünstler nicht nachbilden. Er vermag
nur die großzügigen Charaktere, wie sie etwa in der
Bodenbewegung, Pflanzengruppierung, in den Formen
der Gewässer und ihrer Inseln, in den Felspartien
zu finden sind, zu gestalten. Alle charakteristischen
Einzelheiten, wie das Auswaschen der Ufer mit dem
Bloßlegen der Baumwurzeln, die Verteilung der
Blumen einer farbigen Wiese, die Gestaltung des
Bachlaufs in seinen feinsten Einzelheiten, das Zu-
sammenwachsen von Wiese und Gebüschrand u. a.
überläßt er seiner erfolgreichen Mitarbeiterin, der
Natur.

Indem wir Wachstum und Entwicklung des
Naturformgartens der Natur überlassen, nähern
wir uns damit anscheinend sehr dem wilden Natur-
garten. Der Unterschied ist aber doch ein sehr
wesentlicher. Wir ziehen die Natur bloß zu unserer
Mitarbeiterin heran. Indem wir ihr Wirken gut-
heißen oder verwerfen, indem wir fortnehmen oder
hinzufügen, lassen wir immer den Willen des Künst-
lers herrschen.

Der Naturformgarten ließe sich denken als ein
abgeschlossenes Kunstwerk ohne jede Beziehung
zu seiner Umgebung, deren Hineinspielen durch
eine entsprechende Bepflanzung und Bodenerhebung
nach den Grenzen hin durchaus vermieden werden
muß. Er kann, als ein Ganzes abgeschlossen, zu
der Umgebung in raumkünstlerische Beziehung ge-
setzt werden. Dieser Forderung würde ein Hedten-
quartier im franz. Garten entsprechen, welches in
seinem Innern waldartig frei, mit Sumpf oder
Weiher in üppiger Wasserflora gehalten ist. Selbst
kleinere, strenggegliederte Teile des Architektur-
gartens ließen-sich recht gut naturalistisch behandeln,
wenn sie von aussen her übersehen werden können,
und zwar im Charakter eines Stillebens, wobei
man auf die Wege verzichten muß.

Solche Verwendungsmöglichkeiten für den Natur-
formgarten sind aber noch unzulänglich. Ich denke
mir ihn hauptsächlich angewandt als dekorativen
Hintergrund der in sich abgeschlossenen architek-
tonischen Anlage von Privat- und Volksgärten. Die
einzelnen Teile der architektonischen Anlage müssen
zu einem Organismus zusammengefaßt und in
scharfen Kontrast zu dem landschaftlichen Teil ge-
stellt werden, wobei jeder mildernde Übergang
streng vermieden wird. Je ausgeprägter dieser
Kontrast ist, desto dankbarer die Wirkung. Um
das zu erreichen, ist besonders an den Berührungs-
stellen eine ausgesprochene Architektur notwendig,
sei es etwa mittels geschnittener Bäume oder Lauben-
gänge, welche einen Durchblick in den naturalistischen
Garten gestatten, oder noch besser durch niedriges
Mauerwerk, Balustraden und Gitter, durch Figuren
oder Vasen belebt, mit den nötigen Abwechslungen
in Grund- und Aufriß. Eine vertiefte oder erhöhte
Lage des regelmäßigen Gartens in der Umrahmung
ermöglicht eine noch günstigere Eingliederung, auch
ein regelmäßiges Wasserbecken mit Ufermauern
läßt sich gut vorschieben.

Beim Entwurf des Gartens begeben wir uns
zunächst an die Bodenbewegung, indem wir dabei
gleichzeitig die Pflanzung als eigentliche Raumbild-
nerin in Erwägung ziehen. Die Wege werden noch
ganz außer acht gelassen und erst in den fertigen

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