Die Gartenkunst — 32.1919

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Formen der Gartengrundstücke in den Siedlungs-
vorsdilägen, die uns bis in die letzte Zeit zu
Gesicht gekommen sind, beweisen es. Die meisten
mögen, was den rein architektonischen Teil be-
trifft, einwandfreie Lösungen darstellen, hinsicht-
lich des Gartens versagen sie fast ausnahmslos.

Wir erwähnten bereits, daß die ältern Sied-
lungen, durch die die großen Werke sich ihren
gehobenen Arbeiter- und Meisterstamm zu
sichern suchten, in Gesamtanordnung und bau-
lichen Einzelheiten auf vereinfachte Form und
kleinen Maßstab gebrachte Abbilder bürgerlicher
„Villenviertel“ sind, ihre Gartenflächen wurden in
Vorgarten, Wich- und Hintergarten zerstückelt. So
wird es auch heute noch oft gemacht. Daneben
setzt sich jetzt das Bestreben durch, die Kosten
des baureifen Landes auf ein Mindestmaß
herabzudrücken und deswegen den Grundstücken
eine möglichst geringe Frontlänge bei großer
Tiefe zu geben, also die „Hosenträger“-Form
zu bevorzugen, die auch bei den Behrensschen
Vorschlägen bemängelt werden muß. Diese Form
ist unzweckmäßig, aber noch verhältnismäßig
harmlos gegenüber Vorschlägen, die anderwärts
unbeanstandet an die Öffentlichkeit treten. In
dem Wettbewerb um Entwürfe zur Verbilligung
des Kleinhauses hat ein Entwurf den vierten Preis
erhalten, der den Gärten die aus der Skizze auf
dieser Seite ersichtliche Form gibt (Städtebau,
Heft 4, 1918, Tafel 25). Derartige Vorschläge
kommen einem vor, wie wenn man Korridore
und winklige Treppenhäuser als brauchbare

Wohngelasse empfehlen wollte; was ja denkbar
wäre, wenn man nur die nötige Anspruchslosig-
keit mitbringt.

Bei einer andern Gelegenheit (Bericht zu der
Siedlung Eichkamp - Grüne wald von Max Taut,
Bauwelt Heft 15, 1919, Seite 7) wird gefordert,
daß „scharfe gärtnerische“ Ausnutzung
des Gartens die Verzinsung des Bauaufwandes
günstig erleichtert. Damit können wir uns ein-
verstanden erklären unter zwei Vorbehalten:
einmal muß dann das Grundstück auch so ge-
schnitten sein, daß es diese „scharfe" Ausnut-
zung überhaupt ermöglicht, was auch bei Taut
nur bedingt der Fall ist; dann aber hat solche
scharfe Ausnützung nur so lange Sinn, als die
Höhe der Lebensmittelpreise dem Siedler einen
Anreiz zu intensivem Anbau von Kohl gibt. Das
wird aber schließlich auch einmal wieder anders,
und dann kommt die Zeit, wo der Garten seinem
Nutznießer ein Mittel sein wird, die Freude am
Dasein durch erhöhte Behaglichkeit zu steigern.

Sorgen wir, daß das möglich bleibt, und
richten wir die Siedlungen so ein, daß die
Nutznießer nicht dauernd dieSklaven
ihrer Gärten zu sein brauchen. Geben
wir den Gärten vor allen Dingen eine Form, die
Wirtschaftlichkeit und Behaglichkeit gleicher-
weise gewährleistet. Wie sie sein soll, haben
wir schon bei anderer Gelegenheit gesagt: Der
Garten des Siedlers bilde eine zusammen-
hängende Fläche in Rechteckform bei annähern-
dem Verhältnis der Seiten von 3:5; er sei so
weit als möglich dem Sonnenlicht ausgesetzt
und nicht an der Nordseite des Hauses gelegen;
er stehe in bequemer und unmittelbarer Verbin-
dung mit den Wohnräumen. Wir wissen, daß
sich diese Forderungen selten restlos
erfüllen lassen, ihre Erfüllung muß
aber angestrebt werden und zwar um
so entschiedener, je kleiner die An-
wesen sind. Unserem Wettbewerb haben
wir einen Garten zugrunde gelegt, der diese Be-
dingungen erfüllt. Möge er dazu beitragen, die
Erkenntnis von der Wichtigkeit der Gärten und
damit das Siedlerwerk selbst zu fördern. Aus
Gartennot soll Gartenleben und Gar-
tenliebe erwachen.

Heicke.

Verschiedenes.

Zur Vermeidung langer Gärten hinter schmalen
Reihenhäusern. Man kann nach den Äußerungen
der Fachleute wohl als erwiesen betrachten, daß die
für den Kleinsiedler nötige Gartenfläche mindestens
300 bis 400 qm betragen muß. Die geschlossene Bau-
weise wird für die Gebäude die wirtschaftlich zweck-
mäßigste bleiben. Bei der Frontbreite aber soll man
normalerweise nicht unter 6 m heruntergehen. Ein
Flur von 1,20m wird nötig sein, daneben liegt die

lm breite Treppe, das Vorderzimmer muß mindestens
3,5 m Breite haben. All’ das ergibt mit den Mauer-
stärken eben das Maß von 6 m.

Unter Berücksichtigung dieses Maßes und der
gewünschten 300 bis 400 qm Gartenfläche wird in
der beigefügten Skizze der Vorschlag gemacht, lange
schmale Gärten dadurch zu vermeiden, daß die den
Häusern beigegebenen Gärten nicht nebeneinander,
sondern in. Reihen hintereinander angelegt werden,

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