Die Gartenkunst — 32.1919

Page: 68
Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/gartenkunst1919/0072
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
Technische Fragen.

111. Der Kunststein und seine Verwendung.

Älteren Lesern der Gartenkunst dürften meine Aus-
führungen über den Kunststein und seine Verwen-
dung noch im Gedächtnis sein. (Erstes Maiheft 1914,
Oktoberheft 1915.) Sie stammen aus einer Zeit, die
uns nicht vor Sparsamkeitsrücksichten stellte, wie
die Gegenwart und hatten dort schon ihre Berech-
tigung. Wenn ich in jenen Abhandlungen der Ver-
wendung von Kunststein das Wort redete, so geschah
dies, um eine künstlerische Steigerung der Garten-

Farbe zurEchtheit des Materials strebte,
den Kunststein gewissermaßen als Übergang be-
nützend.

Wesentlich anders ist die Frage seiner Ver-
wendung heute geworden. Welchen Charakters der
Auftrag und wer immer auch Auftraggeber sei, der
springende Punkt ist zurzeit die Kostenfrage, und
sie allein ist und wird für die nächste Zeit aus-
schlaggebend sein. Mit den wenigen Mitteln nun
unter stärkster Zuhilfenahme unserer technischen
Fortschritte das Beste zu leisten, ist nicht nur das
Bestreben des einzelnen Fachmannes, sondern trägt
wesentlich zur Erhaltung der Gartenkultur bei. Es
erübrigt sich für mich, über den künstlerischen Wert
des Materials heute zu sprechen, ich verweise hier
nochmals auf meine Ausführungen im Oktoberheft
1915, die sich ganz besonders hierauf beziehen. Die
praktische und ästhetisch befriedigende Verwendung
eingehend zu beleuchten, ist der Zweck dieser Zeilen.

Vor allen Dingen sei vorausgeschickt die all-
gemeine Verwendungsmöglichkeit aller Kunststein-
produkte. Sie lassen keinerlei Rustikacharakter zu,
denn nur beste, streng zunftgemäße Bearbeitung
der Flächen leistet Gewähr für gutes Aussehen.
Trockenmauer-Idyllen, ebensolche Stufen oder der
beliebte Fliesenbelag aus unregelmäßig gelegten
Steinplatten sind schlechterdings nicht herzustellen.
Am vollkommensten wirkt der Kunststein in schar-
rierter Bearbeitung, hier wird das einzelne Steinkorn
vom Schlageisen geteilt und der
Stein kommt in Struktur und
Farbe, in letzterer bei fachge-
mäßer Mischung und Bearbei-
tung fast restlos zur Geltung.
Wenn immer angängig, sollte
Scharrierung gewählt werden, da
schon der nächste Grad der Be-
arbeitung, das Stocken oder
Spitzen, lange nicht die Wirkung
ergibt, als der Scharrierschlag.
Von einer Bossierung muß gänz-
lich Abstand genommen werden,
wenn irgendwie noch Wert auf
die Wirkung der Farbe gelegt
wird. Mit der Verwendung des
Kunststeins Hand in Hand geht
eine wesentliche Verringerung
des Transportes, da bei sachgemäßer Konstruktion
Einzelstücke meist in Mantelform gegossen werden
können, und die Füllung an Ort und Stelle vorge-
nommen wird. Ebenso verringern sich Fundamentie-
rungsarbeiten durch Überbrückung (Pfeilersystem),
indemuntereLagen entsprechend gewölbtund armiert
werden. AnHand von Beispielen aus der Praxis soll im
weiteren die Verwendung des Kunststeines in seinen
verschiedensten Formen erläutert werden. Grundbe-
dingung ist, technisch vollständig durchgearbeitete
Werkzeichnungen den Kunststeinfabriken zu liefern.
Von ersteren hängt das Gelingen der Arbeit ab. Der
Hersteller muß bei Architekturstücken, deren Umfang
es verbietet, sie aus einem Stücke zu formen, genau
wissen, welche Flächen Außenseiten werden, wo Stoß-
fugengearbeitetwerdenmüssen, welche Stücke armiert
werden sollen u. a. m. Ergänzend folgen nachstehende
Beispiele. — Der Torpfeiler oder der einfache Zaun-
pfeiler. Es empfiehlt sich nicht, ihn aus einem Stücke
fertigen zu lassen, da infolge seiner Höhe der Trans-
port umständlich wäre, besonders auch, da in diesem
Falle ein Fundamentsockel noch gleichzeitig mit dem
Pfeiler als in einem Stück verbunden gefertigt werden
müßte, das Gewicht infolgedessen erheblich ver-
mehrt würde. Letzteres läßt sich jeweils berechnen
unter Zugrundelegung des Durchschnittsgewichtes von
ca. 2000 kg pro Kubikmeter. In vorliegendem Falle
spricht nicht nur praktische Erwägung, sondern
künstlerisches Gefühl gegen den Guß aus einem
Stück, da durch Schichtung und dadurch entstehende
Fugen eine Gliederung der Fläche erreicht wird.

Heilig.

Für die Schriftleitung verantwortlich: Gartendirektor Heicke, Frankfurt a. M. Selbstverlag der Deutschen Gesellschaft für Gartenkunst.

Druck der Universitätsdrudierei H. Stürtz A.G., Würzburg.
loading ...