Die Gartenkunst — 32.1919

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Landsitz in Rüschlikon. Gartenarchitekt Paul Schädlich, Zürich und Glauchau i. Sa.
Blick von der Spielwiese auf die Südostfront des Hauses.

wiesen ist. Wer zwanzig Jahre zurückdenken
und sich die dürftige, um nicht zu sagen un-
beholfene Art der zeichnerischen Wiedergabe
gartenkünstlerischer Entwürfe der damaligen
Zeit vergegenwärtigt, kommt angesichts dieser
Arbeit Schädlichs wieder einmal zur Erkenntnis,

daß trotz der in der Gegenwart beliebten Klagen
über den Tiefstand der Gartenkunst sich doch
ein dauernder Fortschritt feststellen läßt, der
uns auch angesichts der gegenwärtigen Lage mit
einer gewissen Zuversicht der weitern Entwick-
lung unseres Schaffens entgegensehen läßt.

Kleingartenbau als Vorschule für das SiedlertumV

Unsere politischen und wirtschaftlichen Nöte
haben, wie alles irdische Geschehen, ihre erziehe-
rischen Folgen. Im Siedlerwerk bewirken sie ein
gewisses Abflauen bei denen, die ihm nicht aus
innerem Antrieb zustrebten, sondern auf Grund
von Versprechungen Forderungen stellten, deren
Unerfüllbarkeit sich jetzt zeigt. Daß Siedlungs-
bestrebungen in engem Zusammenhang mit der
tatsächlich bestehenden Wohnungsnot genannt
werden, ist irreführend. Wohnungsnot ist nicht in
dem Maße der Schrittmacher des Siedlerwerkes,
wie aus den verschiedenstenVorschlägen hervor-

zugehen scheinen könnte, zu deren Ausführung
unsere Hände glücklicherweise nicht frei sind.

Das Ansinnen, ein Sechzig-Millionenvolk,
dessen Bevölkerung großenteils bisher auf die
Industrie angewiesen war, in kurzer Frist zum
Siedlervolk zu machen und Lebensgewohnheiten,
während dreier Menschenalter gepflogen, gegen
entgegengesetzte zu vertauschen, trägt deutlich
die Spuren von Überstürzung an sich. So ideal der
Siedlungsgedanke an und für sich ist, und so sehr
es zu begrüßen ist, daß die Forderungen der ar-
beitenden Bevölkerung in die Bahnen eben der

*) Diese Ausführungen sind einem Aufsatze W. Heiligs „Erreichbares der Gegenwart im Siedlerwerke“
in der „Hilfe“ entlehnt. Die Schriftleitung.

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