Die Gartenkunst — 32.1919

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Der Garten vor dem Tore.

Von Gartenarchitekt Fr. Wirtz, Frankfurt a. M. - Rödelheim. (Aus der Ausstellung „Hof und Garten“.)

Zu dem von mir auf der Ausstellung „Hof
und Garten“ im September 1919 in Frankfurt a.M.
ausgeführten kleinen Sondergarten, welcher bei
einer Länge von 34,5 m und einer Breite von
17,5m eine Fläche von rund 600 qm umfaßte und
von dem aufS. 141 —143 der Grundriss und An-
sichten wiedergegeben sind, möchte ich in kurzen
Zügen folgendes über die Beweggründe angeben,
die mich bei seiner Anlage geleitet haben.

Auch die Gartengestaltung wird infolge der
tiefgehenden Änderung aller Verhältnisse in den
kommenden Jahren manche Wandlung erleben.
Wir werden uns weit mehr als früher auf die
Berücksichtigung praktischer Gesichtspunkte und
Nützlichkeitsforderungen einzustellen haben. In-
dessen halte ich es für gänzlich verfehlt, wollten
wir uns hierbei ausschließlich auf ein rein wirt-
schaftliches Programm festlegen. So wenig reine
Ziergartenanlagen künflig am Platze sind, eben-
sowenig wird man ganz darauf verzichten können,
die Schönheit im Garten auch fernerhin zur Geltung
zu bringen; denn man
muß immer im Auge be-
halten, daß der Garten
eine Quelle der Lebens-
freude bleiben und da-
zu verhelfen soll, Erho-
lung zu finden und uns
die Arbeitsfreudigkeit
zu erhalten. Nur wenn es
gelingt, einen Gartentyp
zu schaffen, der aus den
Bedürfnissen der Zeit
heraus entstanden ist,
wird er die berechtigte
Forderung erfüllen, die
Liebe zum Garten zu stei-
gern, und zu einem un-
entbehrlichen Bestand-
teil unserer Lebensbe-
dürfnisse werden.

Dieses weitgesteckte
Ziel werden wir nur dann
erreichen, wenn wir
daran festhalten, den
Garten nicht nur nach
seiner Quadratmeter-
anzahl reiner Nutzfläche,
sondern nach seinem
Schönheitsinhalt zu be-
urteilen. Ist das ein
Rückschritt? Ich glaube
eher das Gegenteil.

Von diesen Erwägungen aus habe ich im
„Garten vor dem Tore“ eine Gartenform ange-
strebt, die den aus der Zeit sich ergebenden Nütz-
lichkeitsforderungen entspricht, ohne die jedem
„Garten“ eignende Schönheit vermissen zu lassen.
Als wichtig wird man es anerkennen, daß der rein
wirtschaftliche Teil scharf von dem eigentlichen
Wohngarten getrennt ist. Die Anlage ist dadurch
nicht nur klar und übersichtlich in ihrer Gliede-
rung, auch die Instandhaltung ist bedeutend er-
leichtert. Darin dürfte ein Vorzug liegen gegen-
über der Form des Hausgartens, die sich aus dem
Bestreben, Nutzgartenzwecke dabei zu erfüllen,
in der letzten Zeit einzubürgern begann: Gärten,
bei denen Nutz- und Zierflächen ineinander über-
greifen oder gar'sich vermischen. Daraus ergeben
sich Mängel; denn es ist nicht möglich, das rein
Wirtschaftliche mit dem Schönen so zu vereinigen,
daß eine durchaus befriedigende Lösung entsteht.
Ich glaube, daß der Versuch, den ich hier gemacht
habe, uns der Lösung näher bringt.

Weiter habe ich ver-
sucht, die Gestaltung
des Gartens mit mög-
lichst einfachem Mate-
rial durchzuführen. An
dem Materialanspruch
scheitern jetzt und künf-
tig die meisten Ent-
würfe; denn die Beschaf-
fung von Werkstoffen,
wie wir sie aus den hin-
ter uns liegenden Jahren
gewöhnt sind, ist nahe-
zu unmöglich geworden.
Man muß sich auf das
verlegen, was leicht er-
reichbar und nicht zu
teuer ist. So kam ich da-
zu, unbehauene Rund-
hölzer zur Erbauung von
Laube und Pergola zu
benutzen. Man hat im-
mer eine gewisse Vor-
eingenommenheit ge-
habt, gegen die Anwen-
dung solchen Naturhol-
zes, pflegte es wohl gar
als unangebrachten Na-
turalismus geschmack-
lich mit den in den
Gärten beliebten Gno-
men auf eine Stufe zu

„Der Garten vor dem Tore“.

Von Gartenarchitekt Franz Wirtz, Frankfurt a. M.-Rödelheim.

Gartenkunst Nr. 11, 1919.

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