Geffcken, Johannes
Der Bildercatechismus des funfzehnten Jahrhunderts und die catechetischen Hauptstücke in dieser Zeit bis auf Luther (Band 1): Die zehn Gebote, mit 12 Bildtafeln nach Cod. Heidelb. 438 — Leipzig, 1855

Page: 20
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/geffcken1855/0030
License: Public Domain Mark Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
20

Inzwischen aber waren schon zwei ähnliche Werke erschienen, von denen das Eine den Namen "Catechesis,"
das andere den Namen "Calechismus'' trug.*) Luther, der auf das Bediirfniss hingewiesen und den Namen
ausgeprägt, hat allen nach ihm Kommenden den Weg gezeigt, und selbst die Gegner haben ohne Ausnahme
den Namen Catechismus angenommen, und auch die Grenzen desselben im Wesentlichen ähnlich bestimmt.
Doch das führt uns schon auf die folgende Untersuchung.

Zweites Capitel.

Welche Stücke wurden vor Luther zum Catechismus gerechnet?

Man dürfte meinen, die Antwort, auf diese Frage sei schon in der, im vorigen Capitel mitgelheilten
Erklärung des Vocabularius praedicantium gegeben, der ausdrücklich nur das Vater Unser, den Glauben und
die sieben Sacramente nennt, — und doch würde diese Antwort nicht die richtige sein. Wir müssen uns
nämlich erinnern, dass der Calhecismus in unmittelbare Beziehung zur Taufe gesetzt wurde, und die Lehrstücke
bezeichnete, die bei der Taufe nicht fehlen durften, sei es, dass sie von dem erwachsenen Täufling gelernt und
gesprochen wurden, oder dass die Pathen dies an der Stelle der zu taufenden Kinder thaten. — Bei der Taufe
aber wird nur dies erfordert, dass die Würde und Bedeutung des Sacraments erkannt, dass der Christenglaube
bekannt und das Gebot des Herrn gesprochen werden. — Die zehn Gebole haben zu keiner Zeit in der Kirche
bei der Taufe eine Stelle gehabt, und können sie nicht haben, weil sie nicht ein eigenthümlich christliches
Stück, sondern aus dem Judenthum herübergenommen siud. Daher wird in der "Exhorlalio ad plebem christi-
anam"**) auch nur eingeschärft, den Glauben und das Vaterunser zu lernen und dieselben den Taufpathen
einzuprägen. Daher in den Capitularien Carls des Grossen dieselbe Forderung.***) Daher sind uns auch aus
der älteren Zeil des deutschen Volks, besonders die verschiedenen Formeln des Glaubens (Symb. Apostolicum
Athanasianum, auch noch weiter ausgeführte) erhalten. Daneben die Formeln der Abschwörung, welche bei
der Taufe neben dem Exorcismus ihre bestimmte Stelle hatte und Formeln der Beichte. ****) Man könnte nun
meinen, die zehn Gebote seien schon in der Abschwörung und in der Beichte befasst, denn der positive Sinn der
Abschwörung ist doch die Unterwerfung unter die Gebote Gottes, wie es in der milderen Form unserer Zeit
etwa heisst: "aller Sünde und allem ungötllichen Wesen zu entsagen, und züchtig, gerecht und gottselig zu

*) Catechesis oder Unterricht für Rinder, wie er in Heil-
bronn gelehrt und gehalten wird. (Von Dr. Johann Lachmann,
1528, mit Vorrede Caspar Gra'ters) abgedruckt in Julius Hart-
mann: Aelleste katechetische Denkmale der evangelischen Kirche,
Stuttgart 1844, S. 81 —128 und "Catechismus, das ist Unter-
richt zum christlichen Glauben, wie man die Jugend lehren und
ziehen soll, in fragweis und Antwort gestellt durch Andream
Althammer 1528 (Vorrede von Johannes Rürer und Andreas
Althammer. Onolzbach im Wintermonat MDXXVIII) abgedruckt
a. a. 0. S. 51—78. — Eine Angabe, wo die Originale sich
finden, und eine bibliographische Beschreibung fehlt leider.

Zwei vielleicht noch frühere Schriften von Brenz, die aber den
Namen Catechismus noch nicht haben. Ebendaselbst S.21 flgg.

**) Herausgegeben von Wilhelm Grimm. Berl. 1848. 4.
S. 1. 71—74.

***) Die Stellen sind gesammelt von R. v. Raumer. Die
Einwirkung des Chrislcnthums auf die althochdeütsche"Sprache,
S. 247 flgg. und Ditmar, Beiträge zur Geschichte des katechet.
Unterrichts, S. 10 flgg.

****) Vgl. Eccardi, Catechesis Theotisca, Hannov. 1713, in 8.
Massmann, die deutschen Abschwö'rungs-, Glaubens-, Beicht-
und Betformeln vom 8—12. Jahrhundert. Qnedlinb. u. Leipz. 1839.
loading ...