Geffcken, Johannes
Der Bildercatechismus des funfzehnten Jahrhunderts und die catechetischen Hauptstücke in dieser Zeit bis auf Luther (Band 1): Die zehn Gebote, mit 12 Bildtafeln nach Cod. Heidelb. 438 — Leipzig, 1855

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schuler." So erzählt uns Matlhesius in seinen Historien von Luthers Leben "dasz disz Kneblin sin zehen Gebot,
Kinder glauben, Vater unser, neben dem Donat, Kinder-Grammatiken, Cisio Janus und Crisllichen Gesengen
fein fleissig und schleunig gelernel." (*Nürnberg 1573 in 4. S. 2). Wie nun Vater, Mütter, Taufpathen
und Schulmeister ihrem Berufe nachkamen, das lässl sich im Einzelnen nicht nachweisen. Es wird gar oft
viel versäumt sein. Oft aber waren nach dem Ausdruck des Fürsten Georg von Anhalt: "die Aeltern und
sonderlich die lieben Mütter die vornehmsten Haus-Pfarrer und Bischöfe.*) Dabei muss man aber doch sagen,
dass ein, sonst vielfach ausgeartetes und gemissbrauchtes Institut wesentlich dazu beitrug, die Hauptstücke des
christlichen Glaubens zu erhalten. Es war die Beichte, aus welcher, wie wir nicht zweifeln können, und
wie sich das im 15. Jahrhunderte unverkennbar zeigt, der Catechismus herausgewachsen ist.

Dass noch jetzt die Beichte in der römischen Kirche ein Institut ist, welches der Geistlichkeit einen
unbeschreiblichen Einfluss sichert, bedarf der Erwähnung nicht. Vergleichen wir aber unsere Zeit mit der
früheren, so stellt sich uns doch ein unendlicher Unterschied dar. Die Beichte war in der Zeit des fünfzehnten
Jahrhunderts in Wahrheit ein Tribunal, welches alle Stände und jedes Alter umfasste und dem zur Erkennlniss
gekommenen Kinde, wie dem Manne und Greise Lehre und Unterweisung darbot, aber auch in niederer,
höherer und höchster Instanz das Urlheil sprach. Man würde sich täuschen, wenn man in dem Beicht-
priesler jener Zeit nur einen lehrenden, ermahnenden, tröstenden Freund des Beichtenden sehen würde. Er
war in Wahrheit ein Bichter, der in dem, ihm zugewiesenen Kreise ein unbedingtes Unheil an Gottes
Statt fällte. Aber diese Competenz war beschränkt und die Instanzen verschiedene. Zunächst war der
Beichtende an seinen eigenen Pfarrer gewiesen, diesen zu übergehen, ward ihm schon nicht so leicht
gestattet, er musste dazu eine eigne Erlaubniss haben (Urlaub nehmen) von dem Beichtvater, der vielleicht
selbst in Verlegenheit war (dem ungelerten), zu dem erfahrnen (gelerten, wisen) sich zu wenden. Oft aber
war das, was gebeichtet wurde, von der Art, dass sich der Pfarrer (curatus parochialis) nicht getraute und
nicht getrauen durfte, zu entscheiden, dass er also den Beichtenden an eine höhere Instanz, an den Bischof,
verwies; das waren die dem Bischöfe vorbehallenen Fälle (casus episcopales). Ebenso konnte der Bischof in
den Fall kommen, dass er über die, welche ihm beichteten, nachdem er sie gehört, nicht entschieden urtheilen
(sie nicht ausrichten) konnte, und sie an den Poenitentiarius des Pabstes zu verweisen hatte. Ueber diesem war
endlich der Pabst die höchste Instanz. So war die Beichte, wie sie Innocenz 111. im Lateranconcil von 1215 hingestellt
hatte, ein Tribunal, welches die ganze Christenheit, alle Stände und Lebensalter und Verhältnisse umfasste. Dies zeigen
gewiss die, in den Beilagen gegebenen Miltheilungen über das fünfzehnte Jahrhundert anschaulich genug. Dass auf
diese Weise und mit den, in das Innerste der Familienverhältnisse eindringenden inquisitorischen Fragen durch die
Beichte eine wahre Tyrannei ausgeübt wurde, stellt sich uns augenscheinlich dar, und wie oft mochte, aller Vorsicht
ungeachtet, welche den Beichtpriestern bei ihren inquisitorischen Fragen eingeschärft wurde, dieses zudringliche
Fragen eben zu einer Schule der Sünde werden. Die scharfe Klage, die darüber Jacob Strauss, Prediger in Eisenach,
erhoben hat, z. B. über die Anmassuug: "das nyeniants magk selig werden, er hab dan alle und jede sunde
mit allen umbstenden dem pfaffen ader dem Müneh mundtlich in sine oeren geblasen," und sagt er nachher:
"0 wie tausentfeltig hat sich der eebruch gemeret durch solche unterweysung in der unseligen beychte. Desz-
gleichen, wie viel schwache kynder, iunckfrawen und iungeling seindt durch dergleichen strenge und geferliche
fragen in der unseligen beycht verfüret worden," **) war gewiss sehr gegründet, und ist, wenn man sich mit*

*) Bei Hase libr. Symbol. 1827, p. CLL men- | schlicher beycht auff gehaben zcu seli- | ger rewe, frid

**) *Eyn new wunderbarlich Beycht- [ püchlin, in dem die und freid der ar- | men gefangen gewissen. | D. Jacobus Strauss

warhafft gerecht beicht und puesz- | fertigkeit christenlich ge- Ecclesiasles | zcw Eysenach in j Düringen. (1523) Blatt 7 a.

lert and angezeygt wirt | und kürzlichcn all tyranney ertichter Vav.t. Ann. d. d. Lit. IL p, 105. So. 1980. Schon vorher,
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