Geffcken, Johannes
Der Bildercatechismus des funfzehnten Jahrhunderts und die catechetischen Hauptstücke in dieser Zeit bis auf Luther (Band 1): Die zehn Gebote, mit 12 Bildtafeln nach Cod. Heidelb. 438 — Leipzig, 1855

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die Legende von dem Kreuze mitzutheilen. Das Holz sei von dem Baume, von welchem die ersten Aeltern
gegessen, von dem Baume sei immer wieder ein Zweig gepflanzt, beim Tempelbau habe Salomo einen Balken
hauen lassen, der aber nicht gepassl habe, doch von der Königin von Saba erkannt und geehrt worden sei,
Salomo habe das Holz vergraben, der Teich Belhesda habe davon seine Kraft gehabt, weil das Holz im Grunde
lag. Es schwamm empor, die Juden machten daraus das Kreuz, das nachher Helena fand. — Diese Erzählung
führt nun wieder weiter zu dem Beweise, wie kräftig das Kreuzeszeichen sei, die Teufel zu verjagen. Ebenso
wird bei diesem Gebot, weil es zur Ehrfurcht gegen den himmlischen Vater verpflichtet, auch von dem Pater
noster gehandelt.

Von den Erzählungen, die sich wirklich auf das Gebot beziehen, theile ich zwei mit, die beide vor
dem Undanke der Kinder warnen. Die Erste (Hamb. Handschr. Bl. 102 a) lautet: Von eyner frauwen und
yrem son. Es was eyn gut frauw, die hatte eynen sune, der gerette der müder, dat sye ym ir gut off gebe,
er wolle sie yr lebtage ziehen und vast erlich halten. Das dede die frauw. Der sune nam eyn wip und hielte
sin -müder by im in synem huse und plach yr eyn wile wol. Darnach, da sie alt wart, krancke und huste und
speye, als alt kranck lüde plegen zu tun, da mochte er sie nit langer liden und wiste sie usz dem huse. Eyns
tages sasz er und sin husfrauwe und assen eyn gebraten hune. Da kam die müder vor die thure und bat das
man sie (Bl. 102b) in lassen wolle. Da sprach der sune: Der teufel ist aber vor der thüre und wil herinne"
und sie verbürgen das hune in eyn kiste und gab ir unwertlichen zu essen und liesz sie gan und beslosz die
Iure nach ir zu, und ging da zu der kislen und wolt das hune nemen. Da was es worden zu eyme slangen
und für ym umb synen hals und hielte sich so veste an jn, das yn nyemant mochte herabe bryngen. Also
trug er den slangen XIII Jare, was er asse, das asse auch der slange mit, und wan er im nit auch gab, so
druckde er in, das er ersticken wonde. Also ginge er alle die werlt umbe von lande zu lande, wo er aplasz
fant und bessert sin sunde, und sin müder erbarmte sich sin und ging mit jme, bisz das er gestarbe."

Es folgt eine ähnliche Erzählung, nach welcher ein Sohn so an seinem Vater handelt. Die Schlange,
die auf den Sohn losfährt, zeigt sich als der leidige Feind.

Eine andere Erzählung erinnert an König Lear, und der Verfasser lässt der Erzählung sinnreiche Er-
mahnungen folgen, die ich ebenfalls miltheile (Hamb. Handsch. Bl. 103): von ungetruwen kynden. Vor ziten
was eyn gut man. Der hatte zwen süne und eyn dochler. Er bestate sie und gab ine sin gut byna zu male.
Eins tages kam er zu sins eltsten sons husz. Der entphing yn und plach syner wol. Als er by im gewas
wol echt dage, da began es den sün zu vertriessen. Das merckle der vader wol, und leit es im gar swere
vor. Zulest sprach der sone: Vatter, wanne wolt ir farcn zu mins bruder husz. Da sprach der vatter: Ich
byn bereit. Er quam hien zu syns andern sons husz. Da geschach jm ah auch vor gesehen was. Da er by
dem eyn wile was gewesen, da fragte der sun, wan er wolt faren zu siner dochler husz. Da geschach im
auch also. Si entphinge jn erlich, darnach vertrosz sie sin auch. Des wart der vatter sehr betrubel und kom
heyme und liesz jme machen eyn schone kiste mit drien slossen, die dede er voll erden und sleyne, und slosz
die hartte zu, und enbot synen kinderen, das sie zu jm kernen, er were vast kräng, er wolte jn geben alles,
das er hette. Sie kamen, da gab er iglichem eynen slussel, und sprach: Lieben kinder, wan ich begraben
bin, so nement uwer kinder und uwer frunde und sliessent die kiste off, was ir dar inne (Bl. 103 b) flndent,
das deilent under ach. Da der vatter dot was und begraben, da gingen sie heym und namen yr frunde darby,
also^sie bescheiden waren und slussen die kiste uff, dar in was nit dan erde und steyne und eyn brieff, dar
inne so stunt geschrieben: Wer synen kinden han geben des er selbs mangel mus han, der dut nit eyme wisen
glich, das han ich an mynen kinderen wol befunden. Disz las dir eyn lere sin, und gib dynen kinden, das
du auch behaltest, das du yn nit zu flehe durftest komen. Dan etliche kynder glichen den hunden, wan so der
hunt hing ist, so hat sin müder grosz sorge vor in und sleuffet sie von eyme winckel zu dem anderen und en
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