Geffcken, Johannes
Der Bildercatechismus des funfzehnten Jahrhunderts und die catechetischen Hauptstücke in dieser Zeit bis auf Luther (Band 1): Die zehn Gebote, mit 12 Bildtafeln nach Cod. Heidelb. 438 — Leipzig, 1855

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stellen. — Diese Versetzung der Gebole ist aber nicht etwa nur ein Versehen unsres Holzschneiders, sondern
kommt öfter vor z. B. Beil. S. 42. 72. 87. 120. 147. 154. 158. 205. Auch noch Lucas Cranach der Aeitere
malte im Jahre 1516 die zehn Gebote im Rathhaussaale in Wittenberg in dieser Ordnung. Umgekehrt zählt
Schott S. 183 das Gebot "du sollst nicht ehebrechen" schon als Fünftes.

Kaum in einem unsrer Bücher fehlt bei diesem Gebote die Warnung für die Beichtpriester, mit ihren
Fragen auf der Hut zu sein, damit nicht die Unschuldigen lernten, was sie noch nicht wüssten, und doch finden
wir eben in dieser Hinsicht die allermannigfaltigsten Fragen. Mit einer vorwitzigen, ja schamlosen Neugier
wird die speciellste Zergliederung der fleischlichen Sünden verlangt und auch das Verhalten der Ehegatten zu
einander soll in allen Einzelheiten dargelegt werden. Dass durch solche zudringliche Verhöre das sittliche
Gefühl nicht geweckt sondern abgestumpft wurde, dass die Beichte auf diese Weise vielfach eine Schule der
Sünde werden musste, bedarf des Beweises nicht, und auch auf die Beichtpriester musste die beständige geistige
Beschäftigung mit diesen Dingen verderblich wirken. Freilich zeigen schon die alten Bussordnungen bei Was-
schersleben an einer Menge von Stellen grausenerregende und fast unglaubliche Vergehungen. Aber was konnte
es nützen, sie im Beichtstuhle zu zergliedern. Einige unserer Bücher übergehen die Sache beim sechsten Ge-
bote und verweisen auf den Abschnitt über die Hauptsünde luxuria, wo sie dann mit grosser Ausführlichkeit
behandelt wird. Später haben die Jesuiten diese schmutzige Casuistik auf die Spitze gelrieben, und noch in
neuester Zeit sind Bücher über das sechste und neunte Gebot erschienen, die empörend sind.

In den Beilagen sind S. 6—7,43, 72, 84, 95,103, 133,154,171 über unsern Zeitraum Belege gegeben,
die aber weit hinter dem zurückbleiben, was in den lateinischen Büchern zu lesen ist. Herp handelt in eilf
Sermonen oder vielmehr kirchenrechllichen Abhandlungen 1) über die Polygamie, 2) den Ehebruch, 3) die Simplex
fornicalio, 4) de stupro, 5) raplu, 6) sacrilegio, 7) incestu, und wie in dieser Beziehung die Patriarchen zu
entschuldigen seien, 8—9) de peccato contra naturam, 10) de moechia spirituali. Jacob Philipp von Bergamo
füllt sechs Quartseiten mit kurzen Fragen de fornicatione, de adulterio, de sacrilegio, de sodomia, de bestialitate,
de pollulione, de turpiloquio, de maus cogitationibus, de luxuriis coniugatorum. Nider bebandelt Cap. 1—2
die species luxuriae, Cap. 3 den Tanz, als die Veranlassung zur Sünde, Cap. 4 die actus coniugales, Cap. 5
die temperantia, parsimonia, sobrielas und ieiunium als Gegenmittel. Marcus von der Lyndauwe, in dessen
Buche der Jünger der Fragende ist, nimmt die eigenthümliche Wendung, dass der Jünger mit der Frage be-
ginnt: " Obwohl es mich nicht angeht, so frage ich doch, ob die Eheleute u. s. w. und nun wird er unter-
wiesen in Dingen, die ihn allerdings gar nicht angehen. Der Sele Trost fasst sich über das Gebot sehr kurz,
und erzählt ausser einigen Geschichten von heiligen Mönchen, die grosse Versuchungen überwunden, meist
Dinge, die gar nicht zur Sache gehören. So veranlasst unsern Verfasser die Bemerkung, dass Gott besonders
als Strafe der Uebertretung dieses Gebotes die Sündfluth gesendet habe, dazu davon ausführlich zu reden und
die Arche, an welcher Noah hundert Jahre gebauet habe, zu beschreiben. Die Geschichte Josephs wird legenden-
artig ausgeschmückt, wobei wir erfahren, dass Joseph die Tochter des Potiphar Asseues geheirathet habe. Der
Verfasser ermahnt, sich nicht zu viel mit Weibern abzugeben, "du en selste niet wesen een wiuerijc," (Utrecht,
Bl. 129.) Sardanapalus badete, nähete, spann und arbeitete mit den Weibern. Den weisen König Salomo
machten die Weiber "to een dwaes," ihn, der so weise war, dass "hy besloet in een glas veel duuelen, die
onlellick waren." Der Tempelbau wird ausführlich geschildert, "die tempel was niet gewluet, noch gesperret,
noch gedeckt als onse kerken sijn," sondern hatte ein flaches Dach, "een siecht solre," dass man auf dem
Dache gehen konnte. Nachdem nun auch von der Einweihung des Tempels und von der Königin von Saba
gehandelt ist, kommt der Verfasser zu dem Schlüsse, dass alle Herrlichkeit nichts sei, wenn das Herz nicht rein ist
und redet endlich noch durch eine Frage des Kindes veranlasst, von "der Sünde derpapen und begeuen (auch sonst
beslaten d. i. Klosterleute) lüde. Eine Erzählung des Buches der Sele Trost über die 7 Sacramente vgl. Beil. S. 103.
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