Gerstenberg, Kurt
Deutsche Sondergotik: eine Untersuchung über das Wesen der deutschen Baukunst im späten Mittelalter — München: Delphin-Verl., 1913

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Prozesse handelt, verläuft die Entwicklung, ohne daß eine Ab-
hängigkeit vorliegen müßte, überall analog.
Die Verselbständigung jedoch, die der Stil in jedem Land erfährt,
entspricht dem spezifischen Runstwollen der Rasse, als dessen Aus-
druck er sich in den verschiedenen Ländern, am frühesten in Italien,
dann in England und Deutschland manifestiert. Für Deutschland
wird die Originalität der gotischen Stilbildung im )5. Jahrhun-
dert, allerdings nur hinsichtlich des dekorativen Formenapparats
allgemein zugegeben.
Die Nationalisierung der Gotik in Italien fand ihre nährende
Quelle in dem Raumgefühl der italienischen Rasse. „Statt der
Entwicklung der Form nach oben wird die Schönheit der Räume,
Flächen und Massen das Ziel der italienischen Gotik und dann
der italienischen Architektur überhaupt". (Burckhardt, Geschichte der
Renaissance in Italien. § zg). Hier also kann schon im Z4. Jahr-
hundert von einer latenten Renaissance gesprochen werden. Die
Tatsache, daß bei der Stilwandlung auf deutschem Boden auch
ein besonderes Raumgefühl sich bemerkbar macht, hat Schmarsow
und Haenel dazu geführt, auch diese Stilepoche deutscher Baukunst
als Renaissance zu bezeichnen. Es ist das Verdienst Schmarsows
und seiner Schule, auf das neue mit der Gotik nicht mehr verein-
bare Raumgefühl hingewiesen zu haben, wenn trotzdem bei diesen
Untersuchungen ein falsches Resultat heraussprang, liegt das darin
begründet, daß Schmarsow den Stil nur als Ausdruck der Zeit,
nicht als Ausdruck der Rasse aufsaßte. Ein Vergleich aber zwischen
italienischer Frührenaissance und deutscher Gotik des )5. Jahr-
hunderts führt zu den fundamentalen Gegensätzen zwischen roma-
nischer und nordischer Raumanschauung überhaupt. Die Aenderung
des Raumgefühls ist nicht so sehr Stilmerkmal der späten Gotik
als der deutschen Gotik.
r. Es bildet sich bei dieser Umsetzung der Gotik auf deutschem
Boden ein eigener Stil heraus, der sich scharf gegen die französische
Gotik absetzt, weil er im wesentlichen von dem Lunstträger bedingt
ist. Die überkommenen Formen der Gotik werden sämtlich einem ver-
änderten Empfindungsgehalt gemäß modifiziert. Dazu braucht nicht
die einzelne Vokabel in jedem Fall neu zu sein, sondern die Syntax
ist eine andere, die Verbindungen der Formen und ihr Ausdrucks-
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