Gerstenberg, Kurt
Deutsche Sondergotik: eine Untersuchung über das Wesen der deutschen Baukunst im späten Mittelalter — München: Delphin-Verl., 1913

Seite: 52
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Kapitel II: Verschiffung
-. Die Auffassung, die in der deutschen Gotik des )5. Jahrhun-
derts eine Entartung und einen Verfall sieht, pflegt die Auslösung
der gotischen Konstruktionsidee als ein entscheidendes Merkmal zu
bezeichnen. Man geht aus von der hohen Gotik und findet, daß
die unerbittliche Notwendigkeit, die logische Konsequenz im Auf-
bau durchbrochen sei. Eine solche Kritik bleibt schon deshalb an-
fechtbar, weil sie sich auf den Standpunkt der französischen Gotik
stellt und von hier aus wertet. Und ihre Resultate sind daher auch
immer negativ gewesen.
Die veränderte Bewegungsvorstellung der Sondergotik findet
in dem veränderten Funktionsausdruck ihr Korrelat. Sie ist kein
Zustand der Kraftlosigkeit, wie sich aus der neuen formalen Aus-
deutung des Funktionsgehalts ergibt. In der Gotik war jede Form
Bewegungsausdruck und Funktionsausdruck gleich gespannter In-
tensität. In der Veränderung des Funktionsausdrucks liegt mehr
als ein bloßes Reduzieren, denn sie ist nicht so sehr eine quantitative
als eine qualitative, da sie auf einen neuen Empfindungsgehalt
zurückgeht.
r. Ein Stil, der wie die Gotik nur die vertikale Richtung aner-
kennt, erhält dadurch sein natürliches Teilungsprinzip. Es läßt sich
alles senkrecht abspalten, lauter schmale Hochformen können ausein-
andergenommen werden. Die deutsche Sondergotik begann sogleich
mit einer neuen Formanschauung zu gestalten, die dem Gefühl einer
Verankerung der Teile untereinander entsprang. Die Isolierung
der Form, die Möglichkeit sie von Anfang bis zum Ende in ihrer
Gesamterstreckung durchzuverfolgen, was allerdings immer eine
Abstraktion von der im Zusammengehen der Einzelformen sich aus-
drückenden Gesamtbewegung im Raum bedeutet, hört auf. Seitlich
gelagerte Teile werden als ineinandergefügt empfunden. Alle Kräfte,
die der Gotik innewohnen, haben die Tendenz, sich in der Höhe
aufzulösen. Statt dieser bestimmten punktuellen Abschlüsse gibt man
jetzt das Ineinander der Formen und das Durcheinander der Rich-
tungen. In der Gotik ist es gleichgültig, wo die Betrachtung ein-
setzt, da das Auge immer wieder in die gleiche Vertikalbahn ge-
trieben wird. Eine lineare Geschiedenheit hat sich der Raumjoche
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