Gerstenberg, Kurt
Deutsche Sondergotik: eine Untersuchung über das Wesen der deutschen Baukunst im späten Mittelalter — München: Delphin-Verl., 1913

Page: 142
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gonalen Treppentürmchen, die in die Winkel eingestellt die harten
rechtwinkligen Begegnungen von Westwand und Vorbau mildern.
Jedenfalls ist diese Vorhalle durchaus einheitlich mit dem Bau
von )355—6), zumal auch durch die triangulierten Abmessungen
ein Zusammenhang mit dem Lirchengrundriß garantiert ist. Der
Aufbau darüber jedoch, das Michaelschörlein verrät schon das
Volumengefühl einer späteren Zeit und ist nicht vor dem Anfang
des )S. Jahrhunderts denkbar. Für den ursprünglichen Bau wird
über der Eingangshalle ein Rundfenster anzunehmen sein, gerahmt
von den aus den Seitenwänden des Vorbaues aufsteigenden
Streben, die Schmalfelder zu Seiten werden von schlanken Spitz-
bogenfenstern zerschnitten.
Das Giebeldreieck kontrastiert als Ganzes energisch gegen die
Rechteckfläche. Die Mitte des Dreiecks durchwächst ein feingegliedertes
Türmchen, das hoch über den Giebel hinausstößt. Dem Ge-
bäude als kubischer Einheit wird ein anderer Rubus eingerammt,
ein urdeutscher Baugedanke. Die Silhouettenführung nicht ver-
bindlich erachtet für die Horizontalteilung des Giebels. Nicht jede
zweite Stufe, sondern nach eigenen Gesetzen und in den Ab-
messungen wechselnd folgen die Horizontalstreifen aufeinander. Jede
Stufe des Treppengiebels ist verwachsen mit dem Helm einer
Fiale, die unter Verleugnung ihrer eigentlichen Bedeutung die
Vertikaleinteilung besorgen und mit ihren Rreuzblumen die be-
wegte Randlinie des Treppengiebels noch spitziger auszacken.
Die Dreiecksfläche wird durch Nischen noch intensiver aufge-
wühlt, und in sämtlichen Höhlungen führten einst Figuren ein
Einsiedlerdasein.
Soweit an der Lorenzkirche in Nürnberg sich die gleiche An-
schauung in der Dekoration des Giebels kundgibt, liegt ihre Ab-
hängigkeit von der Frauenkirche auf der Hand. Im ganzen ist es
ein plastisch räumliches Grundgefühl, das aus der Giebelfläche ein
lebhaftes Hin und Her vieler Formen machte, allerdings kein
großes durchschlagendes Raumgefühl, sondern ein in viele Teilchen
zersplittertes. In Süddeutschland charakterisiert es Franken gegen-
über dem immer auch in der Dekoration flächig stillen Schwaben.
Die gleiche Art, die dekorativen Akzente nach oben hin zusammen-
zudrängen, ist in der Innenarchitektur und bei den Erzeugnissen
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