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Giesen, Josef
Dürers Proportionsstudien im Rahmen der allgemeinen Proportionsentwicklung — Forschungen zur Kunstgeschichte Westeuropas, Band 8: Bonn: Kurt Schroeder Verlag, 1930

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Die Mittelalterliche Proportionsentwicklung
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https://doi.org/10.11588/diglit.59480#0017
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Die Mittelalterliche Proportionsentwicklung
Solange sich die Kunst mit der Gestaltung des Menschen aus-
einandersetzt, gibt es kodifizierte Canones der menschlichen Figur,
die dem Kunstkreis und der Epoche entsprechend geformt sind.
So können wir schon in dem Zeitabschnitt, der vor dem von der
neueren Kunstgeschichte behandelten liegt, auf eine Kanontradition
zurückzuschauen, die sich von den Aegyptern durch die Wand-
lungen der archaischen griechischen Kunst und der klassischen Zeit
über Po Igelet und Lgsipp bis zur späthellenistischen und römischen
Epoche erhalten hat. Viele literarische Quellen erzählen davon, jedoch
ist uns keine dieser Kanonschriften erhalten. Einige spärliche Auf-
zeichnungen bietet Vitruv in dem 2. Absatz des 1. Kapitels im III. Buche
seiner „Zehn Bücher über Architektur“.5) Dies wenige, was den ge-
ringen Rest einer gewaltigen Tradition darstellt und uns die Form der
antiken Canones ahnen läßt, wurde außerordentlich bedeutungsvoll
für die Proportionsgestaltung im Mittelalter und der Renaissance.
Die fragmentarischen Bemerkungen (s. Textangabe 1) geben einige
Maße von Kopf und Brust, von Arm und Fuß. Wie sie dem Mittel-
alter und der Renaissance überliefert waren, ergaben sich noch aus
ihnen verschiedene Differenzen,6) die zu persönlicher und willkürlicher
Emendation führten und zum eigenen Formen und Maßberechnen
Anlaß gaben. Bei der Gestaltung eines Vitruvtgpus lassen die wenigen
Einzelmaße, die außer der Größe Scheitel-Sohle angegeben sind, an
sich genügend Freiheit, während die enorme Brustbreite von 1/4 der
Gesamtlänge und der dazu wenig massiv erscheinende Kopf doch zur
Annahme stark athletischer Formen für die Gesamthaltung des Körpers
zwingen. (Taf. I Abb. 1.)
Wie schon aus dem Vorhergehenden zu ersehen, sind die einzel-
nen Maße als aliquote Körperbruchteile — also als 1/4, 1/6, 1/s, V10
des ganzen Menschen — gegeben, was einen Schluß auf die Ver-
messungsart der Antike erlaubt und uns den antiken Kanon ganz
ähnlich den Aufstellungen des 1. Buches von Dürers Proportions-

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