Gesellschaft für Vervielfältigende Kunst [Editor]
Die Graphischen Künste — 34.1911

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wenn man die unendliche Menge verkratzten Kupfers berechnet, die heute in Deutschland, und
leider zumeist in Deutschland, unter dem Vorwand des künstlerischen Zweckes vergeudet wird,
so muß man sich doch fragen, ob ihr realer Wert nicht nutzbringender für andere Kulturzwccke
unseres Volkes verwendet werden könnte. Freilich, es gibt auch Leute, die der entgegengesetzten
Meinung sind. Wie wäre es sonst wohl zu erklären, daß sich über einen dieser Kupferkratzer ä la
mode in unserer ältesten und ersten Kunstzeitschrift die monumentalen Sätze finden:

»Von einem Künstler, der in der kurzen Spanne von knapp fünf Jahren dem Gestein der
Natur, wo er an den Felsen schlägt, so viele Ströme lebendigen Wassers zu entlocken gewußt hat,
dürfen wir Großes erwarten. Vielleicht ist er einer von den Männern, die berufen sind, als hell-
sehende Bergführer die deutsche künstlerische Kultur auf die ihr vorbehaltenen sonnenbeschienenen
Gipfel zu leiten«. — — —

Es ist hundertmal gesagt worden, daß »Kunst« von »Können« herkommt, und es fehlt uns
auch in Deutschland wahrhaftig nicht an Könnern. Aber wenn die absolute Talentlosigkeit und der
blutige Dilettantismus so billige Anwälte bei der Kritik finden, deren Beruf und Pflicht es doch
wäre, die Spreu vom Weizen zu sondern und das ohnehin rat- und hilflose Publikum darüber zu
belehren, was gut oder böse sei, dann muß solch unbesonnenem und gefährlichem Tun entgegen-
getreten und energisch Halt zugerufen werden. — Wir wollen unsere großen Meister lieben und ehren,
wie es allerorten geschieht, wo die Kunst als der edelste und höchste Ausdruck der Kultur gilt.
Aber wir wollen auch ihre Namen nicht dadurch in den Staub ziehen, daß wir ihnen die Menge der
ewig Unfruchtbaren an die Seite stellen und deren vergängliche Tagesberühmtheit in einem Atem
mit den bleibenden Sternen nennen, die in ihrem ruhigen Glänze, will's Gott, auch unseren Kindern
und Kindeskindern noch leuchten werden! — Der Helikon soll und wird immer der geheiligte Berg
der Musen bleiben, unnahbar dem wüsten Treiben der Satyrn, wenn er auch im Lande Böotien liegt.

Max Lehrs
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