Gesellschaft für Vervielfältigende Kunst [Hrsg.]
Die Graphischen Künste — 43.1920

Seite: 24
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LASKES »FAUST-IMPRESSIONEN«.1

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Wir sehen in der Natur nie etwas als Einzelheit,
sondern wir sehen alles in Verbindung mit etwas anderem,
das vor ihm, neben ihm, hinter ihm, unter ihm und über
ihm sich befindet. Auch fällt uns wohl ein einzelner
Gegenstand als besonders malerisch auf; es ist aber nicht
der Gegenstand allein, der diese Wirkung hervorbringt,
sondern es ist die Verbindung, in der wir ihn sehen, mit
dem, was neben, hinter und über ihm ist und welches
alles zu jener Wirkung beiträgt. (Goethe.)

Ungeahnt umfassend ist »die Verbindung« geworden; das Sichtbare verlassend, reicher, als es
sein an der Klarheit römischer Antike und an der Lebensfülle deutschen Barocks geübtes Auge
sehen konnte. Oder reichen die- dunklen Wunder der frühgeliebten Gotik noch in dieses Wort,
das ganz schlicht von einer Eiche aus der Nähe Weimars gesprochen wurde? Was ist »über ihm«?
Hören wir ein Bekenntnis, das den Gegenstand der Kunst mit seelischen Gewalten im Hirn des
Künstlers und weit darüber hinaus mit weltumfassenden Vorgängen assoziiert? Zunächst kaum,
so prophetisch gerade uns die Worte klingen möchten. Malerische Phantasie wächst aus dem Geiste
der Dichtung und das neugeborene Werk ordnet sich so, daß eine neue daraus zu lesen ist. Das
Wirken eines großen Symphonikers gehört über der Musik hinaus der Weltanschauung an, die
keimhaft in seinen Rhythmen und Melodien wächst und sich endlich in der Gesamtheit seines
Lebenswerkes rundet.

Es ist kein Zweifel, nach dieser Lebensdichtung haben alle Künstler gesucht, die Monumen-
talität suchten, zumal die beweglichen Graphiker, die eine Reihe von Werken verbanden, daß ihre
Art, die Welt zu beschauen und aufzufassen, sich aus der Verbindung löse. Dürers Weltbild in
seiner Dichtung des »Marienlebens« ist weich und versöhnlich, eine pastorale Symphonie, der die
Freude an tausend beschaulichen Einzelheiten bürgerlichen und mütterlichen Lebens ihren Reich-
tum gibt, das Weltbild seiner Dichtung der »Apokalypse« ist schroff und visionär, ein Maestoso
ohne Grenzen und fast ohne Bezug mehr zur versöhnlichen, »malerischen« Welt. Seine Passionen
vermehren diesen Reichtum unabsehbar. Nach ihm wurde dieses Weltbild von Unzähligen versucht.
Delacroix, von dem der Altmeister, dessen Worte hier an der Spitze stehen, sagte, so vollkommen
hätte man es sich selber nicht gedacht. Klinger dichtet, verdichtet seine Welt eines fremden, kühlen
Schauers erst an Apulejus, später an verästelten, selbsterfundenen Hergängen. Und eine jenseits
des Schaubaren liegende, groteske, aber wuchtige Welt rankt sich bei Kokoschka aus der Kantate
Bachs.

Der Gedanke der Illustration, schon an sich voll Widersprüche, wird sukzessive verlassen.
Illustration kann es nur zur eigenen Absicht geben, wenn der Maler gewillt ist, seine Phantasie zu

»Verlag neuer Graphik«, Wien.

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