Gesellschaft für Vervielfältigende Kunst [Hrsg.]
Die Graphischen Künste — 44.1921

Seite: 63
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FRIEDRICH SCHÖPFER

\.

Amesbauer, Bildnis Friedlich Schöpfers

Das deutsche Publikum des XIX. Jahr-
hunderts hat an die Künstler wohl vielerlei
Ansprüche gestellt, aber selten die rich-
tigen, da es die Forderungen der Zeit zu-
meist selbst nicht zu erkennen vermochte.
Gar mancher Künstler ist dadurch auf eine
falsche Bahn gedrängt worden. Die besten,
die sich nicht irremachen ließen, entzogen
sich nach Möglichkeit dem Einfluß des
Publikums. Wie sehr sie aber unter diesem
Zustand gelitten haben, kann man aus fol-
genden Worten Moritz von Schwinds ent-
nehmen: »Kommt's noch einmal dazu, daß
von deutscher Kunst überhaupt die Rede
ist, dann wird man sich wundern, was für
dumme Bestien unsere Mäzene waren ' . . .
Zwanzig Jahre läßt man uns brachliegen
und dann sollen wir Wunder tun, ein
Publikum zu entzücken, das den Kopf voll
Forderungen hat, die die Natur anderen
Nationen gestellt hat. 0 Deutschland, daß
du immer für das begeistert bist, was dich
nichts angeht«.2 Die Schuld liegt jedoch

nicht allein bei dem Publikum. Zumeist hat auch der Künstler seinen Weg nicht klar erkannt.
Bei der Pflege einer angeblich großen Tradition verharrte er allzusehr in einer philiströsen
Enge und ließ es dabei doch an nationalem Selbstbewußtsein mangeln, indem er zu keiner rechten
Erkenntnis dessen kam, was an Werten die Heimat birgt. Zweifellos war dieses eigentümliche
Schwanken zwischen einer charakterlosen Unterwürfigkeit gegenüber dem Ausland und einer
provinziellen Beschränktheit in erster Linie eine Folge politischer und geographischer Ver-
hältnisse. Es fehlt den Deutschen ein sie umschließendes Band wie das Meer, das sie zugleich
isolieren und verbinden würde. Dagegen sind die Fähigkeiten der deutschen Rasse an sich in

l Brief an Schade] vom 11.1. 1852.
- Brief an Gcnelli vom 29. 10. 1S43.

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